Kurzgeschichten



Zugdurchfahrt

Zugdurchfahrt

Es war ein lauer Frühlingsabend, so gegen halb Elf abends.
Ich hatte mich durch einige Internetforen gelesen und gerade meinen Rechner heruntergefahren, da fiel mir ein, dass noch ein Brief auf Antwort wartete. Also, Rechner neu gestartet und frisch drauflos geschrieben. Es dauerte nur ein paar Minuten und der Brief war fertig.
Ich dachte mir, am besten gleich zum Briefkasten bringen, dann geht er am Morgen gleich weg.

Draußen war es mild, und so zog ich mir nur eine leichte Jacke an. Ich ging langsam, die Abendluft und den Geruch des Frühlings genießend, durch den Abend, denn bis zum Briefkasten war es nicht weit, höchstens 10 Minuten Fußweg.
Da mir die Luft gut tat, beschloss ich, meinen Spaziergang etwas auszudehnen. Ich schlenderte in Gedanken durch unseren kleinen Ort, sah auf die Uhr und da ich in der Nähe des Bahnhofs war und am nächsten Tag mit der Bahn fahren wollte, dachte ich, schaust mal am Bahnhof vorbei, vielleicht gibt es eine Fahrplanänderung.

Unser Bahnhof liegt an einer ICE-Strecke und zwei Meter vor der Bahnsteigkante sind Absperrungen angebracht, da hier Züge mit bis zu 230 Stundenkilometern durchfahren.

Es gab keine Fahrplanänderungen und ich wollte schon wieder nach Hause gehen, da ertönte es aus dem Lautsprecher:
"Achtung Schnellfahrten, bitte beachten Sie die Sicherheitshinweise am Bahnsteig!"
Es war kurz vor Mitternacht.
Aha, dachte ich, ein ICE, und da ich noch keinen ICE bei Dunkelheit und mit voller Fahrt vorbeifahren sah, beschloss ich, ein paar Minuten zu warten.
Ich stützte mich auf die Absperrung und sah in die Nacht. Auf beiden Seiten standen die Signale auf rot. Die Strecke auf der linken Seite verläuft fast 18 Kilometer völlig gerade und eben, rechts folgt nach etwa 2 Kilometern eine sanfte Linkskurve.
Dann sah ich links in der Ferne einen kleinen Lichtpunkt, rechts schaltete ein Signal von Rot auf Grün. Aus dem Lautsprecher ertönte wieder die Ansage:
„Achtung Schnellfahrten. Bitte beachten sie die Sicherheitshinweise am Bahnsteig!“
Der Lichtpunkt wurde schnell heller und sehr bald waren 3 Lichter zu erkennen, rechts und links kaltweiß, oben in der Mitte wie ein Autoscheinwerfer.

Der Zug näherte sich mit rasender Geschwindigkeit und in der Luft lag ein Rauschen, als wenn sich ein Flugzeug nähern würde.

Irgendwie war ich fasziniert und starrte wie hypnotisiert auf den sich nähernden Zug. Der Zug rauschte vorbei, doch die Geschwindigkeit war so groß, dass keine Einzelheiten erkennbar waren.
Die Vorbeifahrt dauerte höchstens 4 - 5 Sekunden, ich sah ihm nach, die roten Rücklichter waren schon nicht mehr einzeln zu erkennen. Das Signal wechselte wieder auf Rot.

Ich atmete tief durch und ich dachte daran, dass ich wenige Sekunden zuvor die Möglichkeit hatte, selbst auf meine größte Reise zu gehen ....

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AUTOR:

Jahrgang 1951, unspektakulärer Lebenslauf. Nach erfolgreichem Studium an der TH Ilmenau bis zur Rente im Bereich IT tätig.


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