Kurzgeschichten



Geiz in höchster Vollendung

Die McGregor`s, Jenny und Charles, eine waschechte schottische Familie, hat sich ausserhalb von Glasgow, vor gut einem Jahr, ein prachtvolles Einfamilienhaus, wie üblich auf Ratenzahlung, zugelegt. Ein Schnäppchen, trotzdem aber ein Grund für die allgemein bekannt, geizigen Schotten, weiterhin an allen Ecken und Kanten zu sparen und zu knausern. Das billigste Essen aus dem Supermarkt, Bekleidung fast nur vom Secondhand-Shop, die Möbeln aus dem zweite Wahl Handel. Kino und Theaterbesuche sind seit dem Einzug ins eigene Heim, total gestrichen.
Eines schönen Tages, die McGregor`s liegen im Garten, sonnen sich und dösen gemächlich vor sich hin, als plötzlich und unerwartet ein alter Freund der Familie am Gartenzaun steht und freudestrahlend ruft: „Hallo, Ihr Beiden, darf ich eintreten?“ Charles springt erschreckt auf, schaut erstaunt, rennt zum Gartentor und begrüßt überschwänglich, händeschüttelnd seinen fast in Vergessenheit geratenen, Kameraden Danny. Gleich darauf wird die Ehefrau vom Gast umarmt, Küßchen links, Küßchen rechts und schon beginnt eine anregende Unterhaltung.
Nach etwa einer Stunde ausgiebiger Wiedersehensfreude und viel Gerede, entschuldigt sich die Hausherrin: „In der Küche wartet noch viel Arbeit auf mich, ich lasse euch jetzt allein, ihr habt sicherlich noch einiges zu besprechen.“ Jenny verschwindet im Haus. Danny freut sich im tiefsten Inneren schon auf einen starken Tee.
Die beiden Freunde schlendern gemütlich durch den noch recht spärlich angelegten Garten. Nach gut einer weiteren Stunde Geplauder bittet der stolze Eigenheimbesitzer seinen Gast zur Hausbesichtigung. Sämtliche Räume werden begutachtet, am Schluss der Runde stehen beide im Wohnzimmer und blicken hinaus in den Garten. Von Jenny, geschweige denn von einem Getränk, ist nichts zu sehen.
Danny ist etwas erschüttert, gibt sich aber gelassen, schaut auf die Uhr, schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn und meint: „Oh, jeh, ist die Zeit schnell vergangen, jetzt muss ich mich aber auf den Weg machen, schließlich habe ich noch fünfunddreißig Kilometer zu fahren.“
„Warte noch einen Augenblick“, entgegnet Charles, „bevor Du gehst wollen wir wenigstens noch eine kleine Erfrischung zu uns nehmen.“
McGregor legt seinem Freund den Arm um die Schulter, reißt das Fenster auf und sagt auffordernd: „Tief durchatmen Danny, tief durchatmen!“



© Horst Rehmann

 

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