ich denke oft an die Wintersonnenwende
an diesen seltsamen tag
an dem die dunkelheit ihren größten raum einnimmt
als hätte das jahr beschlossen
ein letztes mal tief luft zu holen
bevor es langsam wieder loslässt
die menschen sprechen darüber
als wäre es ein versprechen
als wäre die schwerste strecke geschafft
als könnte man erleichtert nicken
weil von hier an
alles heller wird
und vielleicht stimmt das
zumindest auf dem papier
aber ich habe mich immer gefragt
wie es sein muss
diesem tag ähnlich zu sein
wie es sich anfühlt
gleichzeitig das ende
und der anfang zu sein
ein ort
an dem die dunkelheit ihren höhepunkt erreicht
und das licht trotzdem bereits zurückkehrt
unsichtbar
aber da
ich glaube
ein teil von mir lebt dort
irgendwo zwischen beidem
zwischen rückzug und sehnsucht
zwischen nähe und flucht
zwischen dem wunsch gesehen zu werden
und der angst
wirklich erkannt zu werden
denn ich bin voller widersprüche
ich suche menschen
und verstecke mich vor ihnen
ich wünsche mir verbindung
und ziehe mich zurück
wenn sie zu nah kommt
ich vermisse
noch bevor jemand gegangen ist
und halte fest
während ich gleichzeitig loslassen will
manchmal denke ich
ich bestehe aus gegensätzen
die gelernt haben
sich denselben körper zu teilen
ein teil von mir
blickt morgens aus dem fenster
und glaubt
dass alles möglich ist
ein anderer teil
sitzt bereits am rand des tages
und bereitet sich auf den verlust vor
ich weiß nicht
welcher von beiden recht hat
wahrscheinlich keiner
wahrscheinlich beide
denn das leben scheint selten
eine einzige wahrheit zu sein
es ist eher ein ständiges schwanken
zwischen hoffnung und ernüchterung
zwischen vertrauen und zweifel
zwischen dem was wir wissen
und dem was wir fühlen
und ich fühle vieles
oft zu vieles
ich trage erinnerungen
wie andere menschen mäntel tragen
sie begleiten mich
selbst wenn die jahreszeit längst gewechselt hat
manche tage
genügt ein geruch
oder ein bestimmtes licht
und plötzlich stehe ich wieder
in einer version meines lebens
die längst vergangen sein sollte
ich denke
das ist das seltsame am menschsein
wir verlassen einen ort
doch ein teil von uns bleibt zurück
und ein teil davon
kommt nie wieder nach hause
vielleicht schreibe ich deshalb
nicht weil ich antworten habe
sondern weil ich sie suche
nicht weil ich etwas erklären kann
sondern weil ich versuche
den umriss von etwas zu berühren
das sich nicht benennen lässt
ich schreibe
weil manche gefühle
zu groß für die stille sind
weil manche fragen
keinen anderen ort haben
an den sie gehen können
ich schreibe
weil es momente gibt
in denen ich mich fühle
wie ein haus
mit zu vielen fenstern
und nicht genug licht
und andere
in denen ich mich fühle
wie ein feld
unter offenem himmel
bereit für alles
und nichts zugleich
ich glaube nicht
dass menschen nur aus licht bestehen
genauso wenig
wie sie nur aus dunkelheit bestehen
wir sind beides
immer beides
wir tragen die nacht
und wundern uns
warum wir die sterne sehen können
wir tragen die sonne
und wundern uns
warum wir manchmal frieren
vielleicht ist die wintersonnenwende deshalb
der menschlichste tag des jahres
weil sie nichts versteckt
weil sie nicht vorgibt
heller zu sein als sie ist
sie sagt
hier ist die dunkelheit
in ihrer ganzen größe
und trotzdem
endet die geschichte nicht hier
nicht weil plötzlich alles besser wird
nicht weil der schmerz verschwindet
nicht weil die antworten erscheinen
sondern weil selbst die längste nacht
nicht stillsteht
und vielleicht
ist das genug
vielleicht muss hoffnung
gar kein feuerwerk sein
vielleicht ist sie nur
eine kaum bemerkbare bewegung
in die richtige richtung
ein licht
das noch zu weit entfernt ist
um wärme zu spenden
aber nah genug
um gefunden zu werden
und so schreibe ich weiter
ich werfe meine gedanken
in die dunkelheit hinaus
nicht weil ich sicher bin
dass jemand sie auffängt
sondern weil ich hoffe
dass irgendwo
jemand dieselben fragen stellt
jemand dieselben widersprüche trägt
jemand nachts wach liegt
und sich fragt
warum das herz
gleichzeitig nach nähe hungert
und vor ihr zurückschreckt
jemand der wissen möchte
ob er der einzige ist
der sich manchmal
wie ein fremder
im eigenen leben fühlt
und falls du dort bist
falls diese worte
irgendwo bei dir angekommen sind
dann möchte ich dir etwas sagen
nicht dass alles gut wird
nicht dass alles einen sinn hat
nicht dass die dunkelheit verschwindet
denn manches davon weiß ich nicht
aber ich weiß
wie es sich anfühlt
gesehen werden zu wollen
ich weiß
wie schwer es ist
die eigenen widersprüche zu tragen
und ich weiß
wie erleichternd es sein kann
wenn eine andere stimme sagt
ich verstehe vielleicht nicht alles
aber ich erkenne etwas von mir
in dir
und vielleicht
ist das alles
wonach wir die ganze zeit suchen
nicht bewunderung
nicht gewissheit
nicht perfekte liebe
sondern diesen einen moment
in dem jemand
durch all das licht
durch all die dunkelheit
durch all die verwirrung
hindurchblickt
und sagt
du musst dich nicht erklären
ich sehe dich
und für einen augenblick
ist das genug
„Wintersonnenwende" ist ein Gedicht aus der Kategorie Natur und Jahreszeiten von Orion, veröffentlicht am 22. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.
© Orion
Veröffentliche deine eigenen Werke kostenlos und teile sie mit einer Gemeinschaft, die Poesie liebt — in nur wenigen Minuten.
Jetzt kostenlos veröffentlichen →Bitte melde dich an um zu kommentieren.
Anmelden
1 Kommentar