21. August 2026

Sonne Und Mond

Die Sonne und der Mond
kämpfen nicht um denselben Himmel.

 
Sie muss nicht heller scheinen als ich,
und ich muss nicht heller scheinen als sie.
Sie ist die Königin ihrer Nacht,
ich die Königin meines Tages,
und vielleicht wäre es an der Zeit aufzuhören,
uns danach zu beurteilen, wie wir leuchten.
 
Denn nur weil ihr Licht anders aussieht als meines,
bedeutet das nicht,
dass eines von uns weniger Licht besitzt.
 
Sie trägt ihre Schönheit auf eine andere Art.
Vielleicht ist sie leiser.
Vielleicht ist sie sanfter.
Vielleicht ist ihr Licht etwas,
das man erst bemerkt,
wenn man lange genug hinsieht.
 
Und vielleicht bin ich anders.
Vielleicht bin ich lauter.
Vielleicht brenne ich.
Vielleicht brauche ich den ganzen Himmel,
um mich daran zu erinnern,
dass ich überhaupt leuchten darf.
 
Aber nichts davon macht mich größer
und nichts davon macht sie kleiner.
Was wir tragen, sagt nichts darüber aus,
wie viel Kraft hinter unseren Augen liegt.
Ein Kleid ist kein Maßstab für Stärke.
Ein Gesicht ist kein Maßstab für Wert.
Die Art, wie jemand spricht,
wie jemand sich bewegt,
wie jemand gesehen werden möchte,
entscheidet nicht darüber,
wie viel Macht in seinem Inneren wohnt.
 
Und ich möchte nicht mehr auf sie schauen und mich fragen,
warum ich nicht so bin wie sie.
Ich möchte nicht mehr meinen Glanz gegen ihren halten
und versuchen herauszufinden,
welcher von uns schöner ist.
Denn vielleicht war genau das die falsche Frage.
Vielleicht müssen wir nicht entscheiden, wer heller ist.
Vielleicht müssen wir überhaupt nicht im selben Licht stehen,
um beide gesehen zu werden.
 
Die Sonne fragt den Mond schließlich auch nicht,
warum er nachts anders aussieht.
Sie verlangt nicht, dass er so brennt wie sie.
Und der Mond verlangt nicht,
dass die Sonne ihre Dunkelheit versteht.
Sie teilen sich den Himmel,
ohne sich gegenseitig ihren Platz streitig zu machen.
 
Und vielleicht sollten wir das auch tun.
Vielleicht darf sie ihre Schönheit besitzen,
ohne dass ich mich deshalb hässlicher fühlen muss.
Vielleicht darf ich meine Stärke besitzen,
ohne dass sie deshalb weniger stark sein muss.
Vielleicht darf sie ruhig sein,
während ich laut bin.
Vielleicht darf ich zerbrechen,
während sie still bleibt.
Vielleicht darf sie auf eine Weise leuchten,
die ich niemals verstehen werde,
und ich darf auf meine eigene Art brennen,
ohne mich dafür zu entschuldigen.
 
Denn unser Unterschied ist keine Einladung zum Vergleich.
Er ist kein Wettbewerb.
Kein Beweis dafür,
dass eine von uns etwas besitzt,
das der anderen fehlt.
Unser Unterschied ist einfach ein Unterschied.
Und vielleicht ist genau darin seine Schönheit.
Weil Licht nicht nur eine Farbe kennt.
Es gibt Licht, das wärmt.
Licht, das blendet.
Licht, das durch Vorhänge fällt
und einen Raum für einen Augenblick golden aussehen lässt.
Und es gibt dieses blasse Licht des Mondes,
das nicht versucht, den Tag zurückzubringen,
sondern einfach bleibt, wenn der Tag gegangen ist.
Beides ist Licht.
Und keines muss sich für seine Art zu leuchten rechtfertigen.
 
Also lass sie ihre Krone tragen.
Ich werde meine tragen.
Nicht, weil wir gleich sind,
sondern weil wir es nicht sind.
Sie ist die Königin ihres Himmels.
Ich bin die Königin meines.
Und wenn unsere Lichter sich irgendwann über den Horizont hinweg begegnen,
dann möchte ich nicht mehr fragen,
welches von ihnen schöner ist.
Ich möchte einfach hinsehen und verstehen,
dass wir nie dafür gemacht waren,
einander zu überstrahlen.
Wir waren dafür gemacht, zu leuchten.
Auf unsere eigene Weise.
In unserem eigenen Himmel.
Und ohne uns dafür schuldig zu fühlen,
dass unser Licht anders aussieht.

„Sonne Und Mond" ist ein Gedicht aus der Kategorie Sonstige Gedichte von Orion, veröffentlicht am 21. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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