
*Die Mauer*
Wenn ich aus meinem Fenster schau
seh’ ich nur Mauer, grau in grau.
Und ich denk, es wäre nett,
wenn sie ’ne andere Farbe hätt’!
Dieser Gedanke will nicht weichen,
und so beschließ ich’s anzustreichen.
Doch da so was nicht ganz rechtens,
schleich ich heimlich mich des Nächtens
aus dem Haus, um ungesehen
dieser Arbeit nachzugehen,
während alles sonst noch schlief.
Jetzt brauch ich nur noch ein Motiv!
Also steh’ ich vor der Wand
mit Farb’ und Pinsel in der Hand,
als mir plötzlich, unverhofft
jemand auf die Schulter klopft,
um dem Glauben Lüg’ zu strafen,
dass nachts die Ordnungshüter schlafen...
Wenn ich jetzt durch die Gitter seh’,
seh’ ich nur Mauer, weiß wie Schnee.
Und überleg’ ich’s mir genau,
nun wär’s mir lieber sie wär grau!
(Die Erkenntnis, die man draus gewinnt:
Beneidet die, die “farbenblind“.)
DerPoet (10/89)
Bild: pixabay