23. August 2026

Mein eigenes Chaos

du hast zwei dinge zu mir gesagt
das erste war
dass ich mein eigenes chaos bin
und ich glaube nicht dass dir klar war
wie wahr das eigentlich ist
denn ich trage stürme in mir seit ich denken kann
nicht diese schönen romantisierten gewitter aus filmen
bei denen der regen sanft gegen fensterscheiben fällt und am ende trotzdem jemand bleibt
ich meine die art von sturm
die häuser leer zurücklässt
die art die dinge zerstört
ohne es zu wollen
ich war schon immer zu viel
zu laut in meiner traurigkeit
zu intensiv in meiner liebe
zu empfindlich für diese welt und gleichzeitig
zu wütend um wirklich sanft zu bleiben
menschen merken das irgendwann
deshalb gehen sie meistens bevor das wetter umschlägt

aber dann kam dein zweiter satz
du sagtest ich sei leicht zu lieben

und seitdem denke ich darüber nach
wie jemand gleichzeitig chaos
und liebenswert sein kann
denn in meinem kopf schließen diese dinge
sich gegenseitig aus
ich weiß wie schwer es ist mich auszuhalten
ich weiß wie ich mitten in der nacht verstumme
weil meine gedanken plötzlich zu laut werden
wie ich menschen wegstoße wenn ich angst bekomme
dass sie mich verlassen könnten
wie ich manchmal so tief in mir selbst versinke
dass selbst liebe mich nicht erreicht
du nennst das vielleicht verletzlichkeit
ich nenne es verwüstung
und deshalb verstehe ich nicht
wie du mich ansehen konntest
mit all den gewittern unter meiner haut
und trotzdem dachtest
das hier ist etwas das man lieben kann
es fühlt sich fast an
als hättest du mich verwechselt mit jemandem
der einfacher ist
mit jemandem der nicht ständig gegen sich selbst kämpft

denn die wahrheit ist
die meisten menschen glauben deinem ersten satz mehr
als deinem zweiten
sie sehen das chaos und gehen
sie verstehen dass stürme schön aussehen können
solange man weit genug entfernt bleibt
aber niemand möchte darin wohnen
und vielleicht ist das hier keine warnung für dich
sondern für mich selbst
vielleicht versuche ich nur
dich darauf vorzubereiten
dass ich irgendwann auch dich enttäuschen werde
dass du irgendwann merken wirst
wie anstrengend es ist
einen menschen zu lieben
der ständig daran zweifelt
überhaupt liebenswert zu sein
denn selbsthass macht seltsame dinge mit liebe
er lässt komplimente klingen wie mitleid
er verwandelt zärtlichkeit in etwas verdächtiges
er flüstert dir nachts zu dass jeder mensch der bleibt
sich nur noch nicht genau genug angesehen hat
was in dir kaputt ist
und vielleicht glaube ich dir deshalb nicht
wenn du sagst ich sei leicht zu lieben

weil ich mich selbst erlebt habe
weil ich weiß wie viel dunkelheit in mir wohnt
wie oft ich gleichzeitig gerettet werden möchte
und angst davor habe berührt zu werden

du hast zwei dinge zu mir gesagt
dass ich chaos bin
und dass ich liebenswert bin
und obwohl ich mir wünsche
dass beides wahr sein könnte
weiß ich bis heute nicht wie man stürme betrachtet
ohne irgendwann angst vor ihnen zu bekommen
denn in meiner welt sind menschen entweder sanft
oder zerstörerisch
und ich habe noch nie gelernt
dass jemand beides sein
und trotzdem bleiben darf

„Mein eigenes Chaos" ist ein Gedicht aus der Kategorie Sonstige Gedichte von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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Orion Sonstige Gedichte 0 Kommentare ~4 Min. Lesezeit
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