21. August 2026

Regen

Was wir manchmal nicht verstehen ist,
dass ausgerechnet das, was uns schützen soll,
irgendwann zu dem Ort werden kann,
an dem unsere Traurigkeit gefangen bleibt.

Wir bauen Mauern, weil wir nicht verletzt werden wollen.
Wir ziehen etwas über, das uns vor dem Regen schützen soll,
weil wir gelernt haben, dass es gefährlich sein kann,
wenn andere sehen, wie nass wir wirklich geworden sind.
 
Und vielleicht funktioniert es sogar für eine Weile.
Vielleicht hält der Mantel die ersten Tropfen ab.
Vielleicht fühlt es sich gut an, wenn der Sturm gegen den Stoff schlägt und wir darunter trocken bleiben.
Wir können uns einreden, dass uns das Wetter nichts anhaben kann.
Dass wir stark genug sind.
Dass wir alles im Griff haben,
Bis der Sturm schlimmer wird.
Bis der Regen nicht mehr nur auf unseren Schultern liegt,
sondern irgendwo einen Weg unter den Stoff findet.
Ein kleiner Tropfen zuerst.
Dann noch einer.
Und irgendwann ist der Mantel innen genauso nass wie außen.
Der Regen läuft in die Ärmel, sammelt sich an unseren Händen und tropft in unsere Schuhe.
Und plötzlich stehen wir da und merken, dass wir uns die ganze Zeit nur davor geschützt haben,
dass jemand anderes unsere Nässe sieht.
Aber wir selbst sind trotzdem nass geworden.
 
Vielleicht sind unsere Mauern genauso.
Wir bauen sie, damit niemand hineinkommt.
Wir sagen uns, dass sie uns schützen.
Dass niemand uns verletzen kann, wenn niemand nah genug herankommt.
Und vielleicht stimmt das sogar.
Vielleicht können Menschen nicht in einen Raum eindringen, den wir ihnen niemals öffnen.
Aber wir vergessen dabei etwas.
Eine Mauer hält nicht nur andere draußen.
Sie hält auch uns drinnen.
Und irgendwann wird aus einer Mauer ein Damm.
Wir werfen all das hinein, was wir nicht aussprechen wollten.
Die Angst.
Die Wut.
Die Traurigkeit.
Die Worte, die uns im Hals stecken geblieben sind.
Die Tränen, die wir heruntergeschluckt haben,
weil wir nicht wollten, dass jemand merkt, wie viel eigentlich in uns passiert.
Wir sammeln alles dort.
Tropfen für Tropfen.
Tag für Tag.
Bis wir irgendwann hinter unseren eigenen Mauern stehen und uns fragen,
warum wir uns so schwer fühlen.
Als wäre die Traurigkeit plötzlich einfach aufgetaucht.
Als wäre sie nicht das Wasser, das wir selbst jahrelang hinter uns aufgestaut haben.
 
Wir müssen vorsichtig sein mit dem, was wir anderen zeigen.
Natürlich müssen wir das.
Nicht jeder Mensch verdient Zugang zu den verletzlichsten Teilen von uns.
Nicht jeder, der fragt, wie es uns geht, möchte auch wirklich wissen, wie es uns geht.
Und nicht jede Hand, die uns entgegenkommt, ist eine Hand, die uns auffangen wird.
Es ist okay, einen Mantel zu tragen.
Es ist okay, eine Tür zu schließen.
Es ist okay, eine Mauer zu bauen, wenn man gerade irgendwo Schutz braucht.
Aber wir dürfen nicht vergessen, warum wir sie gebaut haben.
Sie sollte uns schützen.
Sie sollte nicht unser Zuhause werden.
Denn irgendwann muss der Regen aufhören.
Irgendwann kommt der Moment, in dem wir wieder drinnen sind.
An einem Ort, an dem wir sicher sind.
Und dann können wir den Mantel ausziehen.
Dann dürfen wir die Schuhe ausleeren.
Dann dürfen wir das Wasser endlich aus uns herauslassen.
Wir müssen nicht so tun, als wären wir trocken,
nur weil niemand sehen soll, wie sehr es geregnet hat.
Wir müssen nicht weiter in nassen Schuhen herumlaufen,
nur weil wir uns irgendwann daran gewöhnt haben, dass sie schwer sind.
Und wir müssen nicht unsere eigenen Gefühle hinter einer Mauer verhungern lassen,
nur weil diese Mauer uns einmal vor jemand anderem geschützt hat.
Denn das, was andere draußen hält, kann irgendwann auch uns selbst gefangen halten.
Vielleicht ist das der schwierigste Teil am Loslassen.
Nicht die Angst, dass jemand wieder hereinkommt.
Sondern die Erkenntnis, dass wir selbst endlich wieder hinausmüssen;
Aus dem Raum, den wir gebaut haben.
Aus der Rüstung, die irgendwann an unserer Haut festgewachsen ist.
Aus dem Mantel, der uns einmal gerettet hat und inzwischen selbst vom Regen schwer geworden ist.
 
Also ja, sei vorsichtig.
Schütze dein Herz.
Lass nicht jeden Menschen durch jede Tür.
Aber vergiss nicht, dass Schutz nicht dasselbe ist wie Heilung.
Eine Mauer kann verhindern, dass jemand dich erreicht.
Aber sie kann nicht verhindern, dass du dich selbst hinter ihr verlierst.
Und ein Regenmantel kann dich eine Weile vor dem Sturm bewahren.
Aber wenn du irgendwann sicher angekommen bist,
musst du ihn ausziehen, wenn du wieder trocken werden willst.
Du musst die Schuhe leeren.
Du musst das Wasser ablaufen lassen.
Du musst die Mauer irgendwann ein kleines Stück öffnen.
Nicht für jeden.
Nicht sofort.
Aber für dich.
 
 

„Regen" ist ein Gedicht aus der Kategorie Einsamkeit von Orion, veröffentlicht am 21. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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Orion Einsamkeit 0 Kommentare ~6 Min. Lesezeit
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