23. August 2026

ein jahr

es ist jetzt etwas über ein jahr her
seit du gegangen bist
und alle sagen
die zeit würde dinge weicher machen
aber trauer ist seltsam
manchmal fühlt sie sich monatelang
wie hintergrundrauschen an
leise genug
dass man fast vergisst
wie laut sie werden kann
und dann trifft sie dich plötzlich
mitten an einem gewöhnlichen nachmittag
während die welt weitermacht
als wäre nichts passiert
gestern war so ein tag
ich weiß nicht warum
aber für einen moment
warst du überall
in der luft
im licht
in irgendeinem kaum erklärbaren gefühl
zwischen meinem herz
und der stille um mich herum
und es war so überwältigend
dass ich nicht einmal geweint habe
ich saß einfach da
mit diesem unerträglichen ziehen in der brust
und der absurden frage
auf meinen lippen
geht es dir gut?
und jetzt fühlt sich genau das
so lächerlich traurig an
weil du tot bist
weil menschen nicht zurückkommen
um antworten zu geben
weil ich in einem moment
der kaum länger als ein atemzug war
instinktiv immer noch versucht habe
mich nach dir zu erkundigen
als hätte liebe vergessen
dass du nicht mehr hier bist
und vielleicht ist genau das
das grausamste an trauer
dass ein teil von dir
die person weiterhin liebt
im präsens
weiterhin hofft
weiterhin fragt
weiterhin denkt
ich muss ihr erzählen was passiert ist
bevor die stille zurückkommt
und dich wieder daran erinnert
dass es niemanden mehr gibt
der antworten wird
ich glaube
man spricht zu wenig darüber
wie peinlich trauer sich manchmal anfühlt
wie sie dich dinge tun lässt
die keinen sinn ergeben
wie du plötzlich mitten in einem raum stehst
und schwörst
du hättest ihre anwesenheit gespürt
wie du dich dabei ertappst
mit jemandem zu reden
der längst nicht mehr antworten kann
und trotzdem
war dieser moment gestern
das naheste
das ich dir seit langem wieder war
selbst wenn er mich fast zerrissen hat
selbst wenn alles danach
sich wieder leer angefühlt hat
denn vielleicht verschwindet liebe nicht
nur weil ein mensch stirbt
vielleicht bleibt sie einfach irgendwo im körper stecken
taucht plötzlich auf
an ganz gewöhnlichen tagen
und erinnert dich daran
dass es einmal jemanden gab
dessen fehlen noch immer
laut genug ist
um dir den atem zu nehmen

„ein jahr" ist ein Gedicht aus der Kategorie Trauer/Kummer/Schmerz von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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Orion Trauer/Kummer/Schmerz 0 Kommentare ~2 Min. Lesezeit
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