23. August 2026

wir haben uns einfach auseinandergelebt

wenn menschen mich fragen
was zwischen uns passiert ist
lächle ich meistens nur kurz und sage
wir haben uns einfach auseinandergelebt
es ist einfacher so
einfacher als zu erklären
wie ein mensch gleichzeitig zuhause
und katastrophe sein kann
wie ich eines tages dachte
ich hätte endlich etwas gefunden das bleibt
und im nächsten moment dabei zusah
wie alles in meinen händen zerfiel

menschen mögen einfache geschichten
sie mögen trennungen die sauber enden
zwei menschen. falscher zeitpunkt
verschiedene wege
ende der geschichte
niemand will hören wie liebe manchmal aussieht
wenn sie krank wird
wie sie sich in deinen brustkorb frisst
bis selbst atmen sich anhört wie etwas
das du falsch machst

ich sage also
wir haben uns verändert
und verschweige dass ich manchmal immer noch
deinen namen wie einen splitter im hals spüre
dass manche abende noch immer nach dir schmecken
nach zigarettenrauch
kaltem asphalt
und dem bitteren nachgeschmack von dingen
die man nicht retten konnte
vielleicht könnte ich leichter über dich reden
wenn ich dich weniger geliebt hätte
vielleicht würde dein name sich dann nicht anfühlen
als würde jemand meine rippen von innen zusammendrücken

aber menschen verstehen selten
dass liebe und schmerz oft dieselbe sprache sprechen
dass sie nachts nebeneinander schlafen
die beine ineinander verschlungen
bis man irgendwann nicht mehr unterscheiden kann
welches von beiden einen gerade zerstört
ich wusste nicht
dass man jemanden gleichzeitig vermissen
und ihm niemals wieder begegnen wollen kann

nicht bis es dich gab
nicht bis ich lernte
wie widersprüchlich ein herz werden kann
wenn es zu lange an etwas festes geglaubt hat
ich erzähle niemandem von den nächten danach
nicht davon wie ich versuchte
dich aus meinem körper zu verdrängen
indem ich fremde menschen hineinließ
wie ich in irgendwelchen wohnungen lag
neben frauen deren nachnamen ich nicht kannte
und trotzdem nach dir suchte in der art
wie sie mich berührten
als könnte ein anderer mund deinen ersetzen
als könnte einsamkeit durch körperwärme
geheilt werden
aber jedes mal wenn ich nach hause kam
fühlte ich mich leerer als zuvor
und unter der dusche schrubbte ich meine haut rot
als könnte ich die sehnsucht einfach abwaschen
als könnte ich die schuld entfernen
dieses absurde gefühl dich zu verraten
obwohl du längst gegangen warst
das verrückte ist
du fehlst mir manchmal immer noch
an den gewöhnlichsten orten

im supermarkt
an roten ampeln
wenn irgendein lied läuft
das früher einmal uns gehört hat
und ich hasse dass du immer noch überall auftauchst
obwohl du längst nicht mehr hier bist
vielleicht ist das das peinlichste an liebeskummer
dass der körper nicht versteht
was der kopf ihm längst erklärt hat
dass manche menschen weg sind
endgültig
also halte ich die geschichte klein
wenn jemand nach dir fragt
wir haben uns auseinandergelebt
denn wie soll ich jemandem erklären
dass ich dich gleichzeitig liebte und dafür hasste?
dass ich manchmal dachte du würdest mich retten
während du bereits dabei warst
mich langsam zu zerstören?
wie erklärt man
dass manche menschen nicht einfach gehen
sondern etwas mitnehmen
das man nie wieder vollständig zurückbekommt?

nein
es ist leichter
einfach zu sagen dass wir uns verändert haben
denn die wahrheit wäre zu groß
zu hässlich
zu ehrlich
und vielleicht finde ich deshalb bis heute
keine richtigen worte dafür
weil dich zu verlieren nie eine geschichte war
die sich sauber erzählen ließ
sondern eher eine
die irgendwo mitten im satz zerbricht
und dann einfach aufhört

„wir haben uns einfach auseinandergelebt" ist ein Gedicht aus der Kategorie Trauer/Kummer/Schmerz von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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Orion Trauer/Kummer/Schmerz 0 Kommentare ~4 Min. Lesezeit
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