22. August 2026

Erinnerung und Wirklichkeit

jemand hat mir einmal gesagt
dass der menschliche kopf nicht besonders gut
zwischen erinnerung und wirklichkeit
unterscheiden kann wenn man etwas
nur oft genug wiederholt

vielleicht ist das der grund
warum ich dich noch immer überall sehe
nicht wirklich
nicht mit meinen augen
eher irgendwo zwischen meinen gedanken
wie ein geist den ich selbst am leben halte

ich stelle mir vor
was du heute tragen würdest
ob du deine haare immer noch zu lang hättest
ob du noch denselben kaffee bestellen würdest
oder ob sich dein geschmack verändert hätte
wie alles andere sich verändert hat
seit du gegangen bist

manchmal rede ich innerlich mit dir
ohne es zu merken
ich sehe etwas lustiges auf der straße
und mein erster gedanke ist noch immer
dass ich es dir erzählen muss
dann erinnere ich mich


und dieser kleine moment
zwischen vergessen und verstehen
fühlt sich jedes mal an
als würde etwas in mir erneut sterben

also tue ich was trauernde menschen eben tun
wenn die wirklichkeit zu schwer wird
ich erfinde versionen von ihr
in denen du geblieben bist

in meinem kopf feiern wir geburtstage
die du niemals erleben wirst
ich stelle mir vor wie du älter aussiehst
wie deine stimme vielleicht tiefer geworden ist
wie wir noch immer dieselben insider benutzen
über die sonst niemand lachen würde

ich wiederhole erinnerungen so oft
bis sie anfangen sich wie gegenwart anzufühlen
nicht weil ich verrückt bin
sondern weil trauer manchmal bedeutet,
einen menschen künstlich weiterzuatmen
im eigenen inneren

es gibt tage
an denen ich schwören könnte
dass du noch irgendwo existierst
nicht im himmel
nicht in einem spirituellen sinn
sondern einfach in der art
wie mein gehirn sich weigert
dich vollständig loszulassen

denn wie soll ein mensch plötzlich verschwunden sein
wenn so viele teile meines lebens noch immer
deinen namen tragen?
dein lachen lebt noch in manchen liedern
deine hände in meinen erinnerungen
deine gewohnheiten in meinen eigenen bewegungen
du bist weg und trotzdem begegnet mir ständig etwas
das aussieht wie ein überbleibsel von dir

vielleicht ist das das grausame an verlust
dass liebe kein ausschalter ist
dass das herz nicht versteht
warum es plötzlich aufhören soll
nach jemandem zu suchen
den es jahrelang gebraucht hat
um sich vollständig zu fühlen.

also denke ich an dich
immer und immer wieder
bis meine gedanken anfangen
dich für einen kurzen moment zurückzubringen

und manchmal
wenn die einsamkeit besonders laut wird
schließe ich die augen ganz fest und tue so
als wärst du nur im nebenzimmer
als könnte ich gleich deine schritte hören
als würde gleich dein schlüssel in der tür drehen

ich weiß dass das nicht gesund klingt
aber menschen sprechen selten ehrlich darüber
wie seltsam trauer einen macht

wie man plötzlich alte nachrichten liest
nur um sich noch einmal gesehen zu fühlen
wie man stimmen vergisst und panisch versucht
sie im kopf nachzubauen
wie man angst bekommt
dass erinnerungen irgendwann nicht mehr reichen
um einen menschen lebendig wirken zu lassen

das ist es nämlich
was niemand dir sagt
trauer bedeutet nicht nur
jemanden zu vermissen
es bedeutet auch
ständig gegen das vergessen anzukämpfen.

und ich kämpfe
mit jeder geschichte
die ich nochmal erzähle
mit jedem bild
das ich zu lange anschaue
mit jedem detail
das ich auswendig lerne
als müsste ich dich vor dem verschwinden retten

vielleicht rede ich deshalb noch immer mit dir
vielleicht stelle ich mir deshalb noch immer vor
wie unser leben ausgesehen hätte

nicht weil ich die realität nicht akzeptiere
sondern weil liebe irgendwohin muss
wenn der mensch für den sie gedacht war
nicht mehr da ist

und meine liebe landet eben in erfundenen gesprächen
in imaginären geburtstagen
in nächten in denen ich die augen schließe
und für einen einzigen atemzug so tue
als hätte der tod dich nicht bekommen

vielleicht ist das mein überleben
dich nicht ganz gehen zu lassen
dich in gedanken weiter existieren zu lassen
damit die welt sich für einen moment
weniger leer anfühlt

und vielleicht ist trauer genau das
ein herz
das so verzweifelt an jemandem festhält
dass es beginnt aus erinnerungen
wieder einen menschen zu bauen

„Erinnerung und Wirklichkeit" ist ein Gedicht aus der Kategorie Trauer/Kummer/Schmerz von Orion, veröffentlicht am 22. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

Sammlung 5 Aufrufe
Orion Trauer/Kummer/Schmerz 0 Kommentare ~5 Min. Lesezeit
Teilen: Facebook X WhatsApp

Ähnliche Gedichte

ÄHNLICHE GEDICHTE

✍️
Schreibst du selbst Gedichte?

Veröffentliche deine eigenen Werke kostenlos und teile sie mit einer Gemeinschaft, die Poesie liebt — in nur wenigen Minuten.

Jetzt kostenlos veröffentlichen →

Kommentare

Noch keine Kommentare — schreibe den ersten!

Bitte melde dich an um zu kommentieren.

Anmelden
Login
Gedicht des Tages

Es war einmal ein Lyriker, der verspann sich so sehr in seinen Gedanken. Er erkannte Reales nur schwer, nicht nur der Le…

Gedicht lesen
Aktiv in · Trauer/Kummer/Schmerz
Meist gelesen · Trauer/Kummer/Schmerz