22. August 2026

Vermissen

das vermissen kommt nie dann
wenn ich darauf vorbereitet bin

nicht in den großen momenten
nicht an den tagen
an denen der kalender mich warnt

es kommt dazwischen
mitten im einkaufen
an roten ampeln
wenn das wasser für den tee kocht
und der raum plötzlich zu still wird

es erwischt mich in sekunden
die eigentlich nichts bedeuten sollten

und vielleicht ist genau das das grausame daran
dass trauer sich nicht anmeldet
sie wartet nicht höflich am rand des tages
sie tritt einfach wieder ein
als hätte sie noch immer einen schlüssel zu mir

ich weiß nicht
wie du es geschafft hast
dich überall zu hinterlassen
wie ein mensch verschwinden kann
und trotzdem in so vielen dingen weiterlebt

manchmal glaube ich
du hast teile von dir
absichtlich verstreut
bevor du gegangen bist

kleine spuren
an orten
die ich nicht vermeiden kann
in liedern
die plötzlich anders klingen
im geruch von regen auf asphalt
in bestimmten uhrzeiten
die sich seit deinem fehlen
nicht mehr neutral anfühlen
sogar der himmel
sieht manchmal nach dir aus

und ich weiß,
wie verrückt das klingt
aber manche sonnenuntergänge
tragen dieselbe schwere wie dein schweigen
manche wolken
haben genau diese art von weichheit
mit der du früher gesprochen hast
wenn du müde warst

und an manchen abenden
liegt etwas in der luft
das mich sofort an dich erinnert
obwohl ich nicht erklären kann
warum

als hätte mein körper
dich längst gespeichert
in dingen
die nichts mit dir zu tun haben sollten


vielleicht passiert das
wenn man jemanden zu sehr liebt

er hört auf
nur eine person zu sein

er wird zu einem muster
zu einer farbe
zu einer jahreszeit
zu etwas
das plötzlich überall auftaucht

und das schwierige daran ist
dass ich nie weiß
wann es mich treffen wird

ich kann morgens aufwachen
und für einen kurzen moment vergessen
dass du weg bist

und dann fällt licht auf den boden
auf genau dieselbe weise wie damals
und plötzlich fehlt dir wieder jede luft in meiner brust

trauer ist seltsam
sie lebt nicht nur in erinnerungen
sie lebt in wiederholungen
in all den kleinen dingen
die geblieben sind
obwohl du gegangen bist

und vielleicht ist das der grund
warum ich dich nicht loslassen kann
nicht weil ich es nicht will
sondern weil die welt ständig
deinen namen flüstert
ohne ihn jemals laut auszusprechen

du bist in zu vielen dingen gleichzeitig
im himmel kurz vor regen
im klang bestimmter lieder
im licht kurz vor abend
im gefühl von einsamkeit
mitten unter menschen

und manchmal frage ich mich
ob vermissen jemals kleiner wird
oder ob man nur lernt
damit weiterzuleben

denn selbst jetzt
selbst nach all dieser zeit
gibt es momente
in denen die welt sich plötzlich öffnet
und alles darin
nach dir aussieht

„Vermissen" ist ein Gedicht aus der Kategorie Trauer/Kummer/Schmerz von Orion, veröffentlicht am 22. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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Orion Trauer/Kummer/Schmerz 0 Kommentare ~3 Min. Lesezeit
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