das vermissen kommt nie dann
wenn ich darauf vorbereitet bin
nicht in den großen momenten
nicht an den tagen
an denen der kalender mich warnt
es kommt dazwischen
mitten im einkaufen
an roten ampeln
wenn das wasser für den tee kocht
und der raum plötzlich zu still wird
es erwischt mich in sekunden
die eigentlich nichts bedeuten sollten
und vielleicht ist genau das das grausame daran
dass trauer sich nicht anmeldet
sie wartet nicht höflich am rand des tages
sie tritt einfach wieder ein
als hätte sie noch immer einen schlüssel zu mir
ich weiß nicht
wie du es geschafft hast
dich überall zu hinterlassen
wie ein mensch verschwinden kann
und trotzdem in so vielen dingen weiterlebt
manchmal glaube ich
du hast teile von dir
absichtlich verstreut
bevor du gegangen bist
kleine spuren
an orten
die ich nicht vermeiden kann
in liedern
die plötzlich anders klingen
im geruch von regen auf asphalt
in bestimmten uhrzeiten
die sich seit deinem fehlen
nicht mehr neutral anfühlen
sogar der himmel
sieht manchmal nach dir aus
und ich weiß,
wie verrückt das klingt
aber manche sonnenuntergänge
tragen dieselbe schwere wie dein schweigen
manche wolken
haben genau diese art von weichheit
mit der du früher gesprochen hast
wenn du müde warst
und an manchen abenden
liegt etwas in der luft
das mich sofort an dich erinnert
obwohl ich nicht erklären kann
warum
als hätte mein körper
dich längst gespeichert
in dingen
die nichts mit dir zu tun haben sollten
vielleicht passiert das
wenn man jemanden zu sehr liebt
er hört auf
nur eine person zu sein
er wird zu einem muster
zu einer farbe
zu einer jahreszeit
zu etwas
das plötzlich überall auftaucht
und das schwierige daran ist
dass ich nie weiß
wann es mich treffen wird
ich kann morgens aufwachen
und für einen kurzen moment vergessen
dass du weg bist
und dann fällt licht auf den boden
auf genau dieselbe weise wie damals
und plötzlich fehlt dir wieder jede luft in meiner brust
trauer ist seltsam
sie lebt nicht nur in erinnerungen
sie lebt in wiederholungen
in all den kleinen dingen
die geblieben sind
obwohl du gegangen bist
und vielleicht ist das der grund
warum ich dich nicht loslassen kann
nicht weil ich es nicht will
sondern weil die welt ständig
deinen namen flüstert
ohne ihn jemals laut auszusprechen
du bist in zu vielen dingen gleichzeitig
im himmel kurz vor regen
im klang bestimmter lieder
im licht kurz vor abend
im gefühl von einsamkeit
mitten unter menschen
und manchmal frage ich mich
ob vermissen jemals kleiner wird
oder ob man nur lernt
damit weiterzuleben
denn selbst jetzt
selbst nach all dieser zeit
gibt es momente
in denen die welt sich plötzlich öffnet
und alles darin
nach dir aussieht
„Vermissen" ist ein Gedicht aus der Kategorie Trauer/Kummer/Schmerz von Orion, veröffentlicht am 22. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.
© Orion
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