das seltsamste an verlust ist
dass niemand dich darauf vorbereitet
wie wenig verschwindet
die leute sprechen über trauer
als wäre sie ein abschied
als wäre da ein moment
eine letzte umarmung
ein letzter atemzug
ein letzter blick
und dann
stille
aber so war es nie
nicht für mich
denn du bist gegangen
und trotzdem
finde ich dich überall
in den harmlosesten dingen
im klang von geschirr
an zu ruhigen morgen
in liedern
die ich nicht gesucht habe
und die mich trotzdem finden
in der art
wie licht manchmal durchs fenster fällt
als hätte die welt vergessen
dass sie sich weiterdrehen sollte
ich dachte immer
der schwerste teil wäre das gehen
der moment
in dem jemand plötzlich fehlt
aber nein
das schlimmste ist
dass etwas bleibt
zu viel bleibt
deine stimme
hat sich irgendwo in mir festgesetzt
nicht vollständig
nicht klar genug
um sie wirklich zurückzubekommen
aber genug
damit ich manchmal stehen bleibe
mit diesem seltsamen gefühl
dass du gerade eben noch hier warst
als hätte mein herz
eine schlechte angewohnheit entwickelt
ständig nach etwas zu greifen
das es nicht mehr berühren kann
ich höre dein lachen noch
nicht laut
mehr wie ein echo
durch einen langen flur
etwas
das plötzlich auftaucht
wenn ich am wenigsten damit rechne
und für einen moment
macht alles sinn
für einen moment
vergisst mein körper
dass verlust existiert
und dann trifft es mich wieder
dieses wissen
dieses schreckliche
leise wissen
du kommst nicht zurück
und trotzdem
hat niemand dir gesagt
wie voll ein mensch bleiben kann
nachdem jemand gegangen ist
wie liebe nicht verschwindet
nur weil sie keinen ort mehr hat
an den sie gehen kann
sie sitzt herum
ungeduldig
schwer
wie kisten in einem haus
das längst leer steht
ich trage noch immer dinge für dich in mir
die keinen zweck mehr haben
sätze die ich erzählen wollte
fotos die ich dir zeigen wollte
schlechte witze
gute nachrichten
kleine momente
die plötzlich keinen empfänger mehr besitzen
und ich glaube
das macht trauer so erschöpfend
dieses ständige weiterlieben
ins leere hinein
dieses gefühl
dass jemand fehlt
aber nirgendwo ganz fehlt
du bist fort,
aber nicht aus meinen gedanken
nicht aus meinen gewohnheiten
nicht aus den versionen von mir
die du mit erschaffen hast
denn menschen
die wir lieben
verschwinden nie ordentlich
sie lassen spuren zurück
in redewendungen
in erinnerungen
die sich wie filme
ungefragt wiederholen
in orten
die plötzlich eine andere farbe tragen
in den kleinsten dingen
die niemand sonst bemerkt
und manchmal wünschte ich fast
es wäre einfacher gewesen
ein klarer schnitt
eine saubere trennung
vergessen vielleicht
nur damit mein kopf
endlich leiser wird
aber selbst das meine ich nicht ernst
denn was wäre schlimmer
als schmerz?
vielleicht nur
gar nichts mehr zu fühlen
vielleicht nur
dass dein name irgendwann
nicht mehr wehtut
dass dein lachen
kein zuhause mehr findet in mir
dass ich aufhöre
dich in der welt zu erkennen
also trage ich es weiter
dieses seltsame gewicht
diese liebe
die keinen platz mehr hat
und trotzdem bleibt
dieses vermissen
das sich anfühlt
wie ein lied
das nicht aufhört
in einem anderen zimmer zu spielen
immer da
manchmal leiser
manchmal unerträglich laut
und vielleicht ist genau das
der grausamste teil am verlust
nicht
dass jemand geht
sondern dass etwas von ihm bleibt
in dir
für immer vielleicht
wie ein geräusch
das niemand sonst hören kann
aber du
du hörst es überall
„Verlust" ist ein Gedicht aus der Kategorie Trauer/Kummer/Schmerz von Orion, veröffentlicht am 22. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.
© Orion
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