1. Berufseinstieg (Aufbruch ins Berufsleben)
2. Das Leben läuft weiter (Erste berufliche Erfahrungen)
3. Der Strom der Jahre (Weiterbildung und fehlende Anerkennung)
4. Abseits – im Schatten (Außenseiter in der Arbeitswelt)
5. Betriebsversammlung (Engagement und Enttäuschung)
6. Die Kündigung (Beruflicher Einschnitt und Hoffnung)
7. Insolvenz (Sozialer Abstieg)
8. Arbeitslosigkeit macht krank (Folgen der Arbeitslosigkeit)
9. Gebrauchsgegenstand (Der Mensch als Wegwerfprodukt)
10. Rädchen im System (Der Mensch im System)
11. Das Einwegglas (Verbrauch und Austauschbarkeit)
Berufseinstieg
Mit sechzehn stand die Welt mir offen,
erfüllt hat sich mein langes Hoffen,
um nun eig´ne Pfade einzuschlagen,
die große Freiheit einst zu wagen.
Die Schulzeit ließ ich gern zurück,
ich suchte Arbeit, kleines Glück.
Die Freunde standen schon im Leben,
auch ich wollt´ nach der Zukunft streben.
Ein Auto war mein großes Ziel,
die Freiheit bedeutete mir viel.
Auf eignen Beinen wollt´ ich steh´n
und meine eignen Wege geh´n.
Ich wusste klar, was ich nicht wollte,
wohin mein Weg mich führen sollte.
Drum fiel die Wahl ganz ohne Hast
auf einen Beruf, der zu mir passt.
Die Lehre nahm ich an mit Mut,
ich arbeitete viel – und das tat gut.
Den Beruf Industriekaufmann stolz erlernt,
schien mir der Erfolg nicht weit entfernt.
Doch manchmal schreibt das Dasein neu,
kein Plan bleibt allen Zeiten treu.
Die Textilkrise kam geschwind
und trug die Träume fort im Wind.
Die berufliche Zukunft schien mir fern,
verblasst war mein Lebensstern.
Was fest als Übernahme vor Augen lag,
verschwand an einem einzigen Tag.
Doch eines nahm mir niemand fort:
den Glauben an den eignen Ort.
Türen schließen, Tore geh´n auf –
so nahm die Reise ihren Lauf.
Das Leben läuft weiter
Ich kam zur Firma mit Hoffnungen groß,
voller Mut – doch der Weg, er verlief recht famos.
Bald stürzte ich mitten ins Spiel hinein,
die Methoden dort – sie waren gemein.
Ich denk noch oft an manches Gespräch,
an Versprechen, an Lächeln – doch vieles war schräg.
Man merkt sehr schnell, was wirklich zählt:
Loyalität wird selten gewählt.
Das Leben läuft weiter, ich bin jetzt gescheiter,
doch Ehrlichkeit bringt dich im Job nicht weiter.
Gefragt sind die, die sich gut inszenieren,
die schleimen, die lügen, die Strippen jonglieren.
Manche machten sich tief mit der Macht gemein,
mit Schleimerei kam der Aufstieg herein.
Andere gingen auf „intime Tour“ –
mit Vorgesetzten, im stillen Flur.
Und wenn es brannte, wenn’s wirklich krachte,
kam man zu mir – weil ich noch dachte.
Weil ich half, weil ich stand, weil ich nicht wich,
doch befördert wurde ich dafür nicht.
Nicht geachtet wurden mein Fleiß, mein Wissen,
mein Einsatz, mein Streben – im Nichts zerrissen.
Ich stand aufrecht, doch blieb außen vor,
das System war taub – ich trat nicht hervor.
Und dennoch bin ich froh, dass ich anders bin,
dass ich nicht vergaß, was ist mein wahrer Gewinn:
Nicht materieller Erfolg als Ziel –
sondern zu leben, was Herz und Sinn will.
Der Strom der Jahre
Ein Strom von Jahren trug mich fort,
ich nannte Fleiß und Pflicht mein Licht.
Von Seminar zu neuem Ort –
doch wirklich sah man mich wohl nicht.
Mit Fleiß bestand ich jede Prüfung,
die Zeugnisse – fast wie eine Sucht.
Doch fand ich keine echte Berufung,
Anerkennung nie – nur Flucht.
Die Zeugnisse lagen Blatt für Blatt,
mit Siegel, Stempel, wohl bedacht.
Was ich errang und Wert doch hat,
ward hinterm Rücken nur verlacht.
Ich lernte weiter, spät und früh,
wenn andre längst nach Hause gingen.
Mein Streben schien für manche Müh’ –
zu hoch wohl, sich hinaufzuschwingen.
Mein Eifer war nicht gern gesehen,
zu wach, zu fragend, unbequem.
Man ließ mich still am Rande stehen,
korrekt – doch niemals angenehm.
Ich war stets da, verlässlich, klar,
trug Verantwortung und Pflicht.
Doch wer mein Vorgesetzter war,
der würdigte mein Streben nicht.
Anerkennung fiel auf fremdes Feld,
wie Sonne, die mich stets vermied.
Ich blieb im Hintergrund der Welt,
der Mann, den keiner öffentlich sieht.
Der Strom nahm mir die Lebenszeit,
doch nicht den inneren Bestand.
Was ich gelernt habe, bleibt –
auch ohne Lob aus fremder Hand.
Ich trau’re keiner Stunde nach,
kein Weg war jemals mir zu weit.
Die Abschlüsse, sie halten wach,
vereint mit Menschen jener Zeit.
Abseits -im Schatten
Abseits vom Zentrum steh ich still,
frag den Wind, was er mir sagen will,
warum ich hier bin — so fern, so allein,
wo Schatten regieren im Sonnenschein.
Abseits — ein Ort, der mich kennt,
jeder Schritt verliert sich im endlosen Trend.
Die Mitte ruft, doch ich gehör nicht hin,
mein Herz schlägt leise, wo einst die Suche begann.
Ich hoffe, es bleibt nicht so,
dass ich für immer draußen steh — irgendwo.
Abseits, doch mit Sehnsucht im Blick,
vielleicht führt der Weg mich ins Zentrum zurück.
Betriebsversammlung
In der Firma ist die Spannung groß,
die Erwartungen steigen – endlos.
Zur Betriebsversammlung tritt er an,
der höchste Gewerkschafter im Land,
stellt sich vor bei der Belegschaft
mit Versprechen von Tarifvertrag und neuer Kraft.
Die Stimmung bleibt verhalten, kühl,
manch einer schweigt, manch einer will zu viel.
Doch plötzlich kippt die Atmosphäre,
die Luft wird laut, fast schon gefährlich – schwer.
Die Vorsitzende des Betriebsrats steht im Fokus,
ihre Antworten wirken fahrig, ohne großen Trost.
Ich wage den Antrag, klar und direkt,
um Missbrauch zu verhindern, korrekt:
statt blindem Vertrauen, eine Wahl von Personen,
die wirklich die Interessen der Belegschaft schonen.
Doch kaum erhoben, mein Wort im Raum,
entriss sie mir das Mikrofon – ein böser Traum.
„Das kommt gar nicht in Frage!“, schrie sie heftig,
beendete die Sitzung – abrupt, geschäftig.
Zurück blieb ich, verletzt, allein,
gefangen in der eigenen Pein.
Die Kollegen/innen wandten sich ab, desinteressiert,
und ich erkannte: Mein Einsatz verliert.
Warum sich mühen für diese Gemeinschaft,
wenn am Ende nur Enttäuschung erwacht?
Die Vorsitzende hat ihr Ziel erreicht,
stieg höher auf, Gewerkschaftsbereichsleiterin sogleich.
Der Tarifvertrag bleibt immer noch fern,
und das Ende des Missbrauchs – in weiter Fern.
Die Kündigung
Ist das der Lohn Deiner geleisteten Arbeit?
Ja, das ist der Lohn Deiner geleisteten Arbeit,
die Kündigung - die Entlassung.
Sei nicht so blind,
freue Dich wie aufs Christkind!
Du musst einen schweren Weg gehen,
Du kannst manchmal die Welt nicht verstehen!
Du glaubst, Du bist gescheitert,
in Wirklichkeit hat sich Dein Bewusstsein
durch diese Erfahrung erweitert!
Resigniere nicht, gib nicht auf,
Dein Leben nimmt einmal einen positiveren Verlauf!
Insolvenz
Ein sorgenfreies Arbeitsleben
wird es wohl nie mehr geben.
Mit der Insolvenz war mir klar:
der soziale Abstieg ist unvermeidbar.
Absage folgte auf Absage,
Tag für Tag in dieser Lage.
Meine Situation blieb unverändert – gleich,
am Ende landete ich im Niedriglohnbereich.
Mein ehemaliger Chef, dem ich vertraute,
war es, der meine Zukunft verbaute.
Jahrzehntelange Kolleginnen und Kollegen
spielten ihr hinterhältiges Spiel,
unsolidarisch, mit Beziehungen –
so erreichten manche ihr egoistisches Ziel.
Sie erlebten keinen sozialen Abstieg,
für einige war die Insolvenz sogar ein Sieg.
Es gibt Gewinner und Verlierer –
so ist das Leben.
Und auch in Zukunft wird es immer wieder
solche Situationen geben.
Die Feigheit und die Habgier
in meinem Umfeld
nahmen mir das Vertrauen
zu Menschen in dieser Welt.
All das hat die Insolvenz hervorgebracht –
und nichts ist mehr, wie es einst war.
Arbeitslosigkeit macht krank
Ich habe zu viel Zeit,
wieder eine Absage.
Ich bin zu allem bereit
an diesem grauen Tage.
Ich geh in eine der Kneipen
und hab so einen Durst.
Ich werde bis Abend bleiben
und vergesse meinen Frust.
Die Vorwürfe regen mich auf,
meine Chancen sind gleich Null.
Das Leben geht seinen Lauf
und ich bin wieder einmal voll.
Arbeitslosigkeit macht krank,
früher habe ich nie Alkohol getrunken.
Heute bin ich wieder einmal blank,
die Absage hat mir gestunken.
Freunde lassen mich im Stich,
die Reichen werden immer reicher,
kaum jemand akzeptiert mich,
meine Gesichtsfarbe wird immer bleicher.
Was nützt das ganze Lernen,
Beziehungen kennzeichnen das Leben.
Wieweit werde ich mich entfernen?
Wird es jemals wieder Arbeit geben?
Vieles geht auf Kosten der Schwachen.
Was bringt mir die Gewerkschaft?
Die Sieger können scheinheilig lachen,
ungerecht ist unsere Gesellschaft.
Sozialer Abstieg ist unvermeidbar,
Bewerbungen kosten eine Menge Geld,
offene Stellen sind mehr wie rar.
Warum bin ich alleine auf mich gestellt?
Gebrauchsgegenstand
Bist Du ein Außenseiter?
Bist Du ein Christ?
Oder bist Du vielleicht sogar ein Kommunist?
Nein, Du bist nur ein Mensch,
den man ausnützt, wegwirft
und dann vergisst!
Rädchen im System
Fragst du dich noch, was du wohl bist,
ein Mensch, der längst vergessen ist,
ein Rädchen nur an jedem Ort,
das man benutzt – und wirft es fort.
Du träumst von Sinn, von Glaubensschein,
doch darfst nur Teil des Systems sein.
Man lenkt dich stumm, man zählt dich bloß,
dein Herz – ein Werkzeug, nutzlos und groß.
Man benötigt dich, bis du nichts mehr gibst,
verbraucht, vernarbt, weil du noch liebst.
Dann löscht man dich, wie Kerzenlicht,
kein Name bleibt, kein Angesicht.
Die Welt dreht sich weiter, blind und taub,
und wirft dich fort – ein Rest wie Staub.
Nur Wind verweht, was einst bestand,
der Mensch wird zum bloßen Gegenstand.
Das Einwegglas
Bist du im Regal ein stiller Gast,
ein Etikett, das niemand liest,
ein Farbton, der nicht in Ordnung passt,
obwohl du leuchtest, wenn man’s sieht.
Nein – du bist ein Einwegglas,
so klar, so fein, so leicht zu brechen,
gefüllt mit Hoffnung, schwer von Maß,
geleert von Händen, die nicht sprechen.
Und achtlos wirft man dich hinaus,
wenn man den Durst an dir gestillt;
dein Klang verhallt im Tonnengrau,
wo niemand fragt, was dich erfüllt.
Rentner
Ja, ich bin Rentner
und meine letzten Berufsjahre waren nicht leicht!
Ja, ich bin Rentner
und letztendlich habe ich dieses Ziel erreicht!
All die Demütigungen und Altersdiskriminierungen sind vorbei,
ich bin jetzt endlich unabhängig und frei.
Für mich beginnt ein neues Leben
ohne Unterordnung, Hast und Streben.
Ich habe jetzt Zeit für sehr viele Sachen
und werde verlorengegangene Hobbys wieder machen.
Zeit für vernachlässigte Freundschaften,
Zeit für die neuesten Errungenschaften.
Ich liebe dieses Gefühl,
welches ich für immer haben will.
Aus Schatten wurde Licht
und ich erhielt ein anderes Gesicht.
Ja, ich bin Rentner
und meine letzten Berufsjahre waren nicht leicht!
Ja, ich bin Rentner
und letztendlich habe ich dieses Ziel erreicht!
© Max Vödisch
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