Vielleicht wäre es logisch zu denken
dass Worte mein Anker sind.
Immerhin sind sie das
womit ich versuche
mich selbst zu erklären.
Wenn etwas in mir keinen Namen hat
suche ich nach einem.
Wenn ich etwas fühle
schreibe ich es auf.
Wenn ich etwas verliere
versuche ich
es in Sätze zu verwandeln.
Als könnte Sprache zusammenhalten,
was in mir auseinanderfällt.
Aber ehrlich gesagt
fühle ich mich in Worten
oft weniger sicher
als in den Dingen
die ganz ohne Worte existieren.
Denn Worte können rutschen.
Sich verändern.
Sich verstecken.
Man kann sagen
Ich liebe dich.
Und es nicht fühlen.
Man kann sagen
Es geht mir gut.
Und dabei innerlich untergehen.
Ich habe Worte gehört
die Liebe versprochen haben
und trotzdem keine Liebe waren.
Ich habe selbst Worte benutzt
um mich größer zu machen
als ich mich gefühlt habe.
Ich habe gesagt
Ich brauche dich nicht.
obwohl alles in mir
danach geschrien hat.
Und manchmal reicht
ein einziges falsch verstandenes Wort
um aus etwas Kleinem
etwas Riesiges zu machen.
Deshalb vertraue ich manchmal
den Dingen mehr
die überhaupt nicht sprechen.
Dem Regen.
Der Schwerkraft.
Dem Mond.
Den Sternen.
Der Tatsache dass eins plus eins
nicht plötzlich drei wird
nur weil ich etwas anderes fühlen möchte.
Die Sonne muss mir nicht sagen dass sie da ist.
Ich spüre ihre Wärme.
Der Regen muss nicht versprechen dass er fällt.
Er fällt einfach.
Die Erde muss nicht erklären
warum sie mich trägt.
Sie tut es.
Die Natur braucht keine guten Formulierungen
Sie muss nichts beweisen.
Sie folgt einfach den Regeln
die schon da waren
lange bevor ich existiert habe.
Und ich bin aus derselben Welt.
In meinem Körper ist dieselbe Materie
die einmal Teil eines Sterns war.
In mir ist Wasser
In mir sind Elemente die älter sind
als jede Sprache die ich jemals sprechen werde.
Der Regen und ich
sind nicht vollkommen verschieden.
Der Mond und ich
sind nicht vollkommen getrennt.
Die Erde unter meinen Füßen
und mein eigener Körper
bestehen aus derselben Geschichte.
Vielleicht bin ich deshalb
weniger allein als ich mich manchmal fühle.
Wenn ich nach oben sehe
sehe ich nichts Fremdes.
Ich sehe etwas
zu dem ich gehöre.
Wenn Worte wieder zu laut werden
wenn ich jeden Satz
zehnmal analysiere,
wenn ein einziges Wor
tausend Bedeutungen bekommt
dann gehe ich nach draußen.
Ich sehe nach oben.
Und der Mond ist immer noch da.
Nicht perfekt.
Nicht immer sichtbar.
Manchmal nur als dünne Sichel
manchmal verborgen hinter Wolken.
Aber trotzdem da.
Und plötzlich muss ich nichts mehr erklären.
Ich kann einfach stehen.
Atmen.
Nach oben schauen.
Und mich daran erinnern
dass die Welt funktioniert,
auch wenn ich sie gerade nicht verstehe.
Dass Wasser verdunstet
und wieder als Regen zurückkommt.
Dass der Mond seine Bahnen zieht.
Dass die Erde sich weiterdreht
auch an Tagen an denen ich keinen Schritt mehr machen kann.
Dass die Sonne morgen wieder aufgeht
ohne es mir zu versprechen.
Und vielleicht ist genau das mein Anker.
Nicht die Worte.
Nicht die Erklärungen.
Nicht die Versprechen.
Sondern die Gewissheit
dass es Dinge gibt
die einfach wahr bleiben.
Dass eins plus eins zwei bleibt.
Dass Regen fällt
Dass der Mond die Erde umkreist.
Dass die Schwerkraft mich hält.
Dass mein Herz schlägt.
Dass ich aus derselben Materie bestehe
wie die Sterne über mir.
Vielleicht muss ich nicht immer wissen
was etwas bedeutet.
Vielleicht reicht es manchmal dass es existiert.
Und wenn ich wieder das Gefühl habe
jeden Halt verloren zu haben
wenn Worte mich nicht mehr tragen können
dann schaue ich nach oben
Ich sehe den Mond.
Ich sehe die Sterne.
Und irgendwo zwischen ihnen
und der Erde unter meinen Füßen
erinnere ich mich daran
dass ich nicht schwebe.
Ich war nie losgelöst
von dieser Welt.
Ich bin ein Teil von ihr
„Anker" ist ein Gedicht aus der Kategorie Sonstige Gedichte von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.
© Orion
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5 Kommentare
du schreibst gut. Trotzdem solltest du mal drüber nachdenken, ob du nicht egoistisch handelt, wenn du die anderen Autoren damit weg schiebst. Ich kann jetzt nur für mich schreiben, aber ich möchte, dass meine Gedichte gelesen und nicht übersehen werden.
Wahrscheinlich hast du darüber noch nicht nachgedacht.
Es grüßt dich Ingrid
Es liegt nicht wirklich in meiner Hand, ob deine Gedichte gelesen werden oder nicht. Im Internet nimmt man anderen nicht einfach Platz weg; man schafft neuen. Es gibt keine begrenzte Menge an Aufmerksamkeit oder einen festen Platz, den ich mit meinen Veröffentlichungen besetze und dir dadurch wegnehme.
Wenn wir dieser Logik folgen würden, müsste letztlich auch deine Arbeit aufhören, weil sie wiederum Aufmerksamkeit und Raum von anderen Autoren nimmt. Aber so funktioniert Kunst nicht. Kunst ist kein Nullsummenspiel. Wenn Menschen deine Arbeit mögen, werden sie sie lesen, unabhängig davon, ob ich meine Gedichte veröffentliche oder nicht. Dass ich meine Sachen innerhalb von drei Tagen veröffentliche, wird nicht beeinflussen, wie jemand deine Kunst wahrnimmt oder welchen Wert sie für diese Person hat.
Ich glaube, der wichtigere Punkt ist, dass man die eigene Sichtbarkeit nicht davon abhängig machen kann, wie viel oder wie wenig andere veröffentlichen. Dass du Angst hast, übersehen zu werden, kann ich nachvollziehen. Aber diese Angst bedeutet nicht automatisch, dass ich etwas falsch mache, nur weil ich meinen eigenen Raum nutze.
Ich habe überlegt, was ich veröffentliche und warum ich es gerade jetzt tue. Ich tue es nicht, um andere Autoren zu verdrängen oder ihnen Leser wegzunehmen. Ich tue es, weil ich meine eigenen Arbeiten jetzt veröffentlichen möchte.
Deine Gedichte dürfen existieren. Meine dürfen es auch. Beides schließt sich nicht aus.
Ich nutze sie jetzt für das, was mir wichtig ist. Ob es viele Menschen lesen oder ob es bekannt wird, ist mir ziemlich egal. Dieser Gedanke ist für mich eher eitel. Ich veröffentliche aus Selbstexpression, nicht für Aufmerksamkeit.