23. August 2026

neuanfang

ich habe die angewohnheit entwickelt
mich selbst regelmäßig zurückzulassen
neue städte
neue menschen
neue versionen von mir
die ich wie kleidung anprobiere
in der hoffnung
diesmal endlich richtig zu passen
die leute nennen es
„liebe zu neuanfängen“
klingt schön oder?
fast romantisch
als wäre ich einfach jemand
der abenteuer mag
veränderung
freiheit
aber ich glaube
das ist nur die freundlichere art zu sagen
dass ich panische angst davor habe
die kontrolle zu verlieren
denn das leben verändert sich sowieso
menschen gehen
gefühle kippen

dinge zerbrechen
ob du bereit bist oder nicht
und ich glaube
ich habe irgendwann beschlossen
dass es weniger wehtut
selbst zuerst zu gehen
wenn ich meine koffer selbst packe
fühlt es sich zumindest an
als hätte ich gewählt
als wäre der verlust meine entscheidung gewesen
und nicht einfach wieder etwas
das mir passiert ist
also verschwinde ich
bevor orte zu vertraut werden
bevor menschen
zu wichtig werden
bevor irgendetwas
die macht bekommt
mich wirklich zu verletzen
und vielleicht nenne ich es wachstum
obwohl es manchmal nur flucht ist
mit schöneren worten


vielleicht zerstöre ich dinge zu früh
nur damit das leben nicht die chance bekommt
es zuerst zu tun
denn abschied auf eigenen wunsch
fühlt sich kontrollierbarer an
als zurückgelassen zu werden
auch wenn beides weh tut
ich glaube
man kann süchtig werden
nach dem gefühl von „neu“
nicht weil neues immer besser ist
sondern weil es nichts von dir weiß
neue orte kennen deine fehler nicht
neue menschen wissen nicht
wie oft du schon zerbrochen bist
für einen kurzen moment
darfst du so tun
als könntest du dich selbst neu erfinden
aber irgendwann
holst du dich immer wieder ein
denn egal
wie oft du die stadt wechselst
den namen auf deinen tickets

die bettwäsche
die routine
du nimmst dein inneres trotzdem mit
und ich wünschte manchmal
ich könnte aufhören
mein leben wie einen notausgang zu behandeln
ich wünschte
bleiben würde sich nicht so sehr
wie ausgeliefertsein anfühlen
aber wenn verlust dich oft genug überrascht
beginnst du irgendwann zu glauben
dass gehen sicherheit bedeutet
dass du zumindest entscheiden kannst
auf welcher seite des abschieds
du stehen willst
also gehe ich
nicht immer
weil ich weg will
sondern weil ich es nicht ertrage
wenn das leben für mich entscheidet
wann ich loslassen muss

und vielleicht ist das die traurigste wahrheit daran
dass manche von uns
lieber freiwillig verschwinden
als noch einmal erleben zu müssen
wie etwas geliebtes
uns aus den händen gerissen wird

„neuanfang" ist ein Gedicht aus der Kategorie Abschied von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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Orion Abschied 0 Kommentare ~3 Min. Lesezeit
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