du musst mir nicht sagen
dass ich dich irgendwann wiedersehen werde
die menschen sagen das ständig
als wäre hoffnung immer etwas tröstliches
als müsste man nur fest genug daran glauben
damit verlust leichter wird
aber jedes mal
wenn jemand von einem wiedersehen spricht
fühlt es sich an
als würden sie verlangen
dass ich beginne
auf mein eigenes ende zu warten
als wäre das die einzige möglichkeit
dir wieder nahe zu kommen
und ich glaube nicht
dass liebe bedeuten sollte
den tod herbeizusehnen
nur um jemanden wiederzufinden
also versuche ich
mir etwas anderes vorzustellen
nicht einen ort nach all dem hier
nicht tore aus licht
oder ein himmel
der plötzlich alles erklärt
sondern dich
in den gewöhnlichen dingen
aufgelöst in etwas
das bleibt
ohne festgehalten werden zu müssen
vielleicht bist du jetzt
im regen
der gegen mein fenster schlägt
wenn die nacht zu still wird
vielleicht in diesem ersten kalten luftzug am morgen
der mich kurz innehalten lässt
ohne dass ich sagen könnte warum
vielleicht bist du das licht
das manchmal durch die vorhänge fällt
und den raum für einen moment
weniger leer aussehen lässt
ich mag diesen gedanken mehr
dass du nicht weit weg bist
nicht verborgen hinter irgendeinem danach
sondern verstreut
über die welt
die ich ohnehin jeden tag betrete
denn dann muss ich nicht sterben
um dir nah zu sein
dann reicht es
weiterzuleben
dann reicht ein lied
das plötzlich wieder alles öffnet
ein bestimmter geruch auf der straße
eine stimme
die für einen sekundenbruchteil
so klingt wie deine
und ja
manchmal tut das weh
manchmal zerreißt mich die tatsache
dass du überall auftauchst
während du gleichzeitig nirgends mehr bist
wo ich dich wirklich erreichen kann
aber wenigstens bedeutet es
dass du noch existierst
in irgendeiner form
die nicht von friedhöfen abhängt
die leute sagen
eines tages sehe ich dich wieder
aber vielleicht verstehen sie trauer falsch
vielleicht denken sie
vermissen sei nur erträglich
wenn man es auf später verschiebt
doch ich kann nicht auf „später“ leben
ich kann nicht jeden tag zählen
wie eine distanz zwischen uns
ich will nicht so leben
als hätte mein eigentliches leben aufgehört
als du gegangen bist
und trotzdem fehlt etwas ständig
etwas grundsätzliches
als hätte die welt seitdem
einen ton verloren
den nur ich noch hören kann
aber selbst darin
finde ich dich wieder
in sonnenaufgängen
die zu schön wirken
für jemanden
der nicht mehr hier sein soll
in den kleinen stillen momenten
in denen ich plötzlich das gefühl habe
dass erinnerung etwas lebendiges ist
nicht vergangenheit
nicht abschluss
eher eine andere art von anwesenheit
vielleicht haben die menschen recht
wenn sie sagen
dass liebe den tod überlebt
vielleicht irren sie sich nur darüber
wo sie danach hingeht
denn ich sehe dich nicht
in irgendeiner fernen ewigkeit
ich sehe dich hier
im licht
im wetter
in musik
in den stunden kurz vor dem morgen
und manchmal glaube ich
dass genau das das schwerste an trauer ist
dass jemand verschwinden kann
und trotzdem überall bleibt
„Vielleicht bist du im Regen" ist ein Gedicht aus der Kategorie Allgemein über Trauer und Co. von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.
© Orion
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