liebe angst,
ich glaube wir müssen aufhören einander zu sehen.
und bitte, verdreh jetzt nicht die augen,
als hättest du das nicht kommen sehen.
ich weiß, du meinst es nicht böse.
wirklich.
ich weiß, du bist nur hier weil du glaubst
du würdest mich beschützen.
du lässt mich alles zehnmal überdenken
damit ich nichts falsch mache.
du hältst mich nachts wach,
damit mir nichts entgeht.
du bringst mich dazu
jede nachricht noch einmal zu lesen,
jede stille zu analysieren,
jeden blick auseinanderzunehmen,
bis nichts mehr davon übrig ist.
und vielleicht waren deine absichten immer gut.
aber in letzter zeit fühlt es sich an,
als würde ich verschwinden.
als würde ich langsam mehr dich werden als mich.
ich vermisse die version von mir,
die nicht in jedem raum nach dem schlimmsten suchte.
die lachen konnte, ohne zu überlegen,
ob es zu laut war.
die menschen liebte ohne sofort angst zu haben,
dass sie gehen.
die schlafen konnte, ohne vorher
jede katastrophe zu proben.
ich vermisse mich.
und ich glaube, das ist der teil,
den du nie verstanden hast
du solltest mich begleiten.
nicht übernehmen.
also ja.
ich glaube, wir müssen uns trennen.
auch wenn ich ehrlich gesagt nicht weiß,
wie man schluss macht mit jemandem,
der in den eigenen gedanken wohnt.
jemandem, der meine stimme gelernt hat
und manchmal so klingt wie ich,
dass ich nicht einmal merke,
dass wir längst nicht mehr dieselbe person sind.
denn wie verlässt man etwas
das einen überallhin begleitet?
wie hört man auf mit einem gespenst zu leben
das die schlüssel zum eigenen kopf besitzt?
„liebe angst" ist ein Gedicht aus der Kategorie Angst von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.
© Orion
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