22. August 2026

Meine Angst und ich

Meine Mitbewohnerin schläft nicht.

Sie würde viel lieber mit meinem Herzen Fangen spielen,
es zum Rasen bringen und es einer Ziellinie hinterherjagen lassen,
die überhaupt nicht existiert.
Denn niemand kann mit meiner Mitbewohnerin mithalten.
Sie ist schnell.
Sie ist geschickt.
Sie ist schwer zu greifen.
Du kannst versuchen, sie zu verstehen,
du kannst versuchen, ihr davonzulaufen,
du kannst versuchen, sie einfach zu ignorieren
aber sie bleibt.
 
Sie sitzt nachts neben mir,
als hätte sie nichts Besseres zu tun,
und hält mich wach,
ohne mir jemals zu erklären warum.
 
Meine Mitbewohnerin ist eine Diebin.
Aber sie stiehlt kein Geld.
Mit Münzen kann sie nichts anfangen.
Nickel und Cent interessieren sie nicht.
Sie will etwas anderes.
Sie will meine Zeit.
Sie nimmt mir Stunden,
ohne dass ich merke wie sie verschwinden.
Sie nimmt mir die Nächte,
in denen ich eigentlich schlafen wollte.
Sie nimmt mir die Morgen,
an denen ich aufstehen und einfach anfangen wollte.
Sie nimmt mir Minuten,
die eigentlich niemandem gehören sollten außer mir.
Und dann sitzt sie da und sieht mir dabei zu,
wie ich versuche alles wieder aufzuholen.
 
Sie erinnert mich an alles,
was ich noch erledigen muss.
An jede Aufgabe.
Jede Nachricht.
Jeden Termin.
Jede Kleinigkeit, die irgendwann erledigt werden muss.
Sie zählt sie mir alle auf.
Immer wieder.
Als würde mein Kopf eine endlose To-do-Liste schreiben,
die niemand jemals wirklich abhaken darf.
Und das Seltsame ist
Sie lässt mich die Dinge nicht einfach erledigen.
Nein.
Sie wartet.
Sie wartet, bis die Frist näher kommt.
Bis ich kaum noch Zeit habe.
Bis mein Herz rast und meine Hände zittern
und ich plötzlich alles in letzter Sekunde schaffen muss.
Dann erlaubt sie mir, endlich anzufangen.
Dann wird aus einer Aufgabe, die ich seit Tagen hätte erledigen können,
ein Notfall.
Aus einer Kleinigkeit wird eine Katastrophe.
Aus fünf Minuten Arbeit werden Stunden voller Panik.
Und meine Mitbewohnerin sitzt daneben und sieht zu.
Als würde sie Spaß daran haben.
Vielleicht tut sie das sogar.
Ich sitze mit ihr im Dunkeln.
Sie auf der einen Seite.
Ich auf der anderen.
Und zwischen uns liegt mein viel zu wacher Kopf.
Sie spielt mit meinem Herzen.
Sie lässt es schneller schlagen,
als würde es vor irgendetwas davonlaufen.
Nur weiß ich nicht, wovor.
Es gibt keine Ziellinie.
Keinen Moment, an dem sie sagt
Jetzt bist du fertig.
Jetzt darfst du aufhören.
Jetzt darfst du schlafen.
Stattdessen gibt sie mir immer noch etwas,
worüber ich nachdenken kann.
Noch eine Sache, die ich hätte tun sollen.
Noch einen Fehler, den ich vielleicht gemacht habe.
Noch eine Möglichkeit, wie etwas schiefgehen könnte.
Noch einen Satz, den ich vor drei Tagen gesagt habe
und den mein Kopf jetzt plötzlich wiederholen möchte.
Immer wieder.
Immer wieder.
Immer wieder.
 
Meine Mitbewohnerin hat ein erstaunliches Talent dafür,
aus nichts etwas zu machen.
Sie kann aus einem Blick eine Katastrophe bauen.
Aus einer Nachricht eine Ablehnung.
Aus Schweigen einen Beweis.
Aus einem kleinen Problem eine Zukunft,
in der alles schiefgeht.
Sie nimmt Dinge, die vielleicht gar nichts bedeuten,
und gibt ihnen Bedeutung, bis ich selbst nicht mehr weiß,
was wirklich passiert und was nur in meinem Kopf passiert.
Und dann fragt sie mich, warum ich so müde bin.
Als wäre sie nicht diejenige,
die mich die ganze Nacht wachgehalten hat.
 
Sie sagt mir, ich müsse etwas tun.
Aber sie sagt mir nicht, wie ich anfangen soll.
Sie sagt
Du musst das erledigen.
Du musst daran denken.
Du darfst das nicht vergessen.
Du solltest längst angefangen haben.
Aber sobald ich frage
Okay. Dann sag mir, womit ich anfangen soll.
ist sie still.
Dann sitzt sie einfach da.
Und ich sitze da.
Und wir starren uns an.
Ich mit tausend Dingen, die erledigt werden müssen.
Sie mit tausend Gründen, warum ich sie nicht erledigen kann.
Mein Herz rast in meiner Brust.
Meine Augen brennen.
Mein Körper ist erschöpft,
aber mein Kopf weigert sich, müde zu werden.
Und irgendwo zwischen all diesen Gedanken
entwickle ich diesen absurden Wunsch,
sie einfach loszuwerden.
Ich will sie aus meinem Zimmer haben.
Aus meinem Bett.
Aus meinem Kopf.
Aus meinem Leben.
Ich will einmal eine Nacht erleben,
in der niemand neben mir sitzt und mir erzählt,
was alles schiefgehen könnte.
 
Ich will einmal aufwachen, ohne sofort daran zu denken,
was ich vergessen habe.
Ich will einmal eine Aufgabe sehen und einfach anfangen,
ohne erst drei Stunden darüber nachzudenken,
warum ich sie nicht anfangen kann.
Ich will Ruhe.
Nicht die Art von Ruhe,
bei der endlich alle Aufgaben erledigt sind.
Sondern die Art, bei der mein Kopf
für einen Moment keine neue Aufgabe erfindet.
Aber das Problem ist;
Meine Mitbewohnerin hat keinen Koffer.
Sie hat keine alte Wohnung, in die sie zurückgehen kann.
Sie hat keinen Schlüssel, den ich ihr wegnehmen könnte.
Ich kann sie nicht vor die Tür setzen.
Ich kann nicht sagen
Es reicht. Du wohnst hier nicht mehr.
Denn sie wohnt nicht in meiner Wohnung.
Sie wohnt in meinem Kopf.
Und wie soll man jemanden hinauswerfen,
der nirgendwo anders hingehen kann?
Wie soll man jemanden töten,
der untötbar ist?
Wie soll man vor etwas weglaufen,
das immer mitkommt?
 
Also sitze ich wieder neben ihr.
Im Dunkeln.
Mit meinem rasenden Herzen.
Mit meinen müden Augen.
Mit all den Dingen, die ich noch erledigen muss.
Und sie flüstert mir wieder alles ins Ohr,
was ich noch nicht geschafft habe.
Sie erinnert mich daran, dass morgen auch noch existiert.
Und übermorgen.
Und nächste Woche.
Und dass irgendwo eine neue Frist wartet.
Eine neue Aufgabe.
Ein neuer Grund, nicht zu schlafen.
Ein neuer Grund, warum ich noch nicht zur Ruhe kommen darf.
Und ich hasse sie dafür.
Manchmal mehr, als ich sagen möchte.
Manchmal sitze ich da und wünsche mir, ich könnte sie einfach aus mir herausreißen.
Ich möchte ihr sagen
Du hast mir genug Zeit genommen.
Du hast genug Nächte gestohlen.
Du hast genug Angst in Dinge gelegt, die keine Angst gebraucht hätten.
Aber sie hört mir nicht zu.
Oder vielleicht ist sie einfach ein Teil von mir,
der selbst nicht weiß, wie man aufhört.
Vielleicht ist das das Schlimmste.
Dass ich sie nicht einmal wirklich hassen kann.
Denn manchmal glaube ich, dass sie nur versucht, mich zu beschützen.
Nur auf die falsche Art.
Sie will verhindern, dass ich etwas vergesse.
Sie will verhindern, dass ich einen Fehler mache.
Sie will verhindern, dass ich überrascht werde.
Sie will mich auf alles vorbereiten.
Auf jede Möglichkeit.
Auf jedes Problem.
Auf jeden Schmerz.
Und dabei macht sie aus meinem ganzen Leben eine Vorbereitung auf etwas,
das vielleicht niemals passiert.
Sie hält mich wach, damit ich für morgen bereit bin,
und vergisst dabei, dass ich auch heute ein Leben habe.
Also bleiben wir zusammen.
Nicht, weil ich sie eingeladen hätte.
Nicht, weil ich sie mag.
Sondern weil sie da ist.
Sie sitzt neben mir, wenn die Welt schläft.
Sie läuft mit mir, wenn ich zu viel denke.
Sie steht neben mir, wenn ich eigentlich anfangen müsste.
Sie liegt neben mir, wenn ich eigentlich schlafen will.
Und manchmal, wenn es besonders still ist,
höre ich sie sogar in Momenten,
in denen gerade gar nichts passiert.
 
Vielleicht wird sie nie vollständig verschwinden.
Vielleicht muss ich irgendwann lernen,
mit ihr zu leben, ohne ihr jedes Zimmer meines Kopfes zu überlassen.
Vielleicht muss ich lernen, dass nicht jeder Gedanke eine Warnung ist.
Nicht jede Aufgabe ein Notfall.
Nicht jede Stille ein Zeichen.
Nicht jedes Gefühl eine Tatsache.
Aber heute Nacht sitzt sie wieder neben mir.
Natürlich tut sie das.
Sie schläft nie.
Und ich auch nicht.
Also liegen wir hier, meine Mitbewohnerin und ich,
sie mit ihrer endlosen Liste, ich mit meinem rasenden Herzen.
Sie erzählt mir, was ich noch tun muss.
Ich frage sie, wann ich endlich schlafen darf.
Sie antwortet nicht.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Antwort, die sie mir geben kann.
Denn du kannst keine Mitbewohnerin aus deinem Kopf werfen,
wenn sie dort geboren wurde.
Du kannst sie nicht töten,
nur weil du sie nicht mehr erträgst.
Du kannst ihr nur irgendwann beibringen,
dass sie nicht jede Nacht das ganze Haus übernehmen darf.
 
Also coexistieren wir.
Sie und ich.
Meine Unruhe und ich.
Meine schlaflose Mitbewohnerin und ich.
 
 
Meine Angst und ich.

„Meine Angst und ich" ist ein Gedicht aus der Kategorie Angst von Orion, veröffentlicht am 22. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

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