9. Juli 2026

Die Reise ins *Neue Land*

Dirgis tauchte aus einem tiefen, erholsamen Schlaf auf und öffnete mühsam ihre kleinen Zwergenaugen. Draussen war es noch dunkel, aber die ersten Vögel sangen bereits und auch das Sirren ihrer anderen Gartenbewohner, der kleinen, elfenartigen Pixies, war schon durch das leicht geöffnete Fenster zu hören. DaKobolds leises Schnarchen belustigte die alte Zwergin und sie kicherte. Dann lies sie sich wieder auf ihre weichen Pölster zurücksinken. Die letzten Monate waren physisch wie auch emotional sehr anstrengend gewesen und sie hatte sich wahrlich etwas Ruhe verdient. Langsam glitt sie wieder in einen leichten Schlummer. Sie träumte.....
Als die alte Zwergin am späten Vormittag erwachte und auf den kleinen, immerwährenden Kalender neben ihrem Alkovenbett sah, hätte sie sich am liebsten die Decke über den Kopf gezogen, sich unter ihren Pölstern vergraben und nie wieder einen Zwergenfuß aus ihrem Bett gesetzt. Es war der 21. Dezember, normalerweise ein Tag der Freude und des Feierns für alle Zwerge und der meisten anderen Wesen in Belletristica. Großvater Mittwinter, auch der Mittwinterkönig genannt, kam an diesem Tag zu allen Zwergen des Reiches und brachte kleine Geschenke, man besuchte Freunde, aß, trank und sang fröhliche Lieder. Doch dieses Jahr sollte es anders sein. Im November vergangenen Jahres, als sie alle zusammen mit ihrer Kreativität und Zusammenhalt die Eisdämonen verjagt hatten und diese sich auf ihr Schiff aus Eis zurückzogen, drehte sich einer der Dämonen, ein mächtiger Fluchwerfer, um und rief mit einer Stimme wie heulender Sturm: "Freut euch nicht zu früh, dass ihr uns wieder einmal besiegt habt. Einmal wird es euch wohl noch gelingen, doch an den Darkest Days danach wird eure Welt untergehen!" Und dieser Tag war ebenfalls heute. Ein abgrundtiefer Seufzer und ein leises Schluchzen entfuhr der alten Zwergin. Erschrocken hielt sich Dirgis den Mund zu. "Hoffentlich hat mich DaKobold jetzt nicht gehört", dachte sie bei sich. Sie wollte ihren kleinen Mitbewohner ja nicht ängstigen und verunsichern. Am Besten wäre es, sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Kaum aber hatte sie ihre Überlegungen zu Ende gebracht, hörte sie schon leises Trippeln an der Tür. "Zwergenmutti, ist alles in Ordnung? Du hast heute so gut geschlafen, ich wollte dich nicht wecken. Hast du wieder schlimme Rückenschmerzen, soll ich dir deine Salbe holen?" Der kleine Kobold, in seinem buntkarierten , langen Nachthemd und einer Schlafmütze auf dem Kopf, war gleichzeitig so witzig und herzallerliebst anzusehen, sodass die alte Zwergin wieder willen Lachen musste. DaKobold kletterte den Alkovenvorhang hinauf und kuschelte sich an die Schulter seiner Ziehmutter. Dann richtete er sich wieder auf. "Du lachst ja schon wieder.Geht es dir so gut, dass du aufstehen und uns Frühstück machen kannst? Und vielleicht Birnenkuchen backen? Den nehmen wir dann mit in die Taverne. Ich geh schon mal in die Küche.." Immer weiter plappernd hüpfte der Kobold vom Bett und gleich darauf hörte die Zwergin ihn schon mit den Kaffeehäferln klappern. Ächzend quälte sie sich unter ihren Decken hervor . Als sie endlich fertig angekleidet war , hatte auch DaKobold schon die meiste Vorarbeit für Frühstück und Kuchen gemacht. "Ich hab dir Arbeit abgenommen, Mutti, ich bin ja brav. Bestimmt bekomme ich dann auch etwas vom Großvater Mittwinter." Es prasselte schon ein Feuer im Ofen, der Kaffee stand auf dem Herd und Kobold hatte bereits begonnen, einige süße Birnen zu schälen. Dirgis atmete tief durch. Sie versuchte ,sich um ihres Ziehsohns willen zusammenzureißen und die ansteckende Betriebsamkeit des Kobolds half ein wenig dabei.
"Mutti, haben wir heuer gar keine Dekoration, der Tisch sieht so leer aus." Kobold kramte in den Laden des Küchenkastens, um wenigstens eine bunte Masche zu finden. Dirgis sah sich um. Es war wirklich etwas kahl in der Küche, ein wenig Schmuck könnte nicht schaden, dachte sie.
Die Zwergin wickelte sich einen warmen Schal um Hals und Kopf und begab sich vor das Zwergenhaus. Im Vorgarten stand der Mittwinterbaum des letzten Jahres fest in der Erde und die Zwergin knipste sich ein paar schöne Zweiglein herunter. In einer Schale mit etwas weißer Schiegenwolle, gehäkelten Schneeflocken und bunten Maschen ergab es eine recht annehmbare Mittwinterdekoration, fand auch DaKobold.
Nach einer Weile duftete bereits der Kuchen aus dem Rohr, der Kaffee in den Bechern und das Tannengrün auf dem Tisch. Die beiden Hausgenossen saßen beieinander und frühstückten schweigend. Als der Zwergin der Gedanke durch den Kopf schoss, dass dieses Frühstück vielleicht ihr letztes gemeinsames sein könnte, begannen die Tränen zu fließen. DaKobold zog ein buntgeblümtes Schnupftuch aus seiner Nachthemdtasche und tupfte der Zwergin die Tränen von den faltigen Wangen. Sanft summte er ihr ein kleines Lied ins Ohr. "Alles wird gut, Mutti, du wirst sehen. Komm, lächel doch wieder." Dann hüpfte er weg, um sich ordentlich anzuziehen.
Dirgis atmete tief durch. Egal, was heute auch geschehen sollte, wäs könnte man daran noch ändern?Einzig und allein wollte sie für DaKobold noch einen halbwegs schönen Tag bereiten. Sorgfältig packte sie den fertigen Birnenkuchen in ein großes , frisches Küchentuch und verstaute ihn in ihrem Korb. Heimlich legte sie einen bunten Schal dazu, um wenigstens ein kleines Geschenk für den Kobold zu haben. Dann begaben sich die beiden durch ein Portal in die Taverne.
Dort war es aussergewöhnlich ruhig. Die Besucher unterhielten sich leise murmelnd, ab und zu war sogar ein unterdrücktes Schluchzen zu hören. Dirgis stellte den Kuchen zu den anderen auf die Theke und setzte sich dann auf ihren gewohnten Platz an den Kamin. Rufus, ein kleiner Drache, der in einem Zeitloch in der Tavernenwand wohnte, kam zu Kobold und die beiden umarmten sich. Sie waren schon lange gute Freunde und trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten waren sie nie lange böse aufeinander.
Obwohl ein prasselndes Feuer im Kamin loderte, fröstelte es die alte Zwergin und sie umklammerte mit ihren kurzen Zwergenfingern ihr buntes Kaffeehäferl, welches seit dem ersten Tag stets für sie bereit stand. Ängstlich schaute sie sich in der Taverne um. Ab und zu öffnete sich die Tür, ein Belletristican kam oder es gingen welche. Auch die Irrlichter über den Gruppenräumen flackerten immer wieder auf. Unter einem der Sofas lugte Flauschi heraus, verschwand aber gleich wieder. Später gesellten sich ein paar Bellebewohner zu Dirgis, sie tauschten Erinnerungen an frühere Zeiten aus, es flossen nicht wenige Tränen.
Langsam rückten die Zeiger der grossen Kaminuhr weiter. Bald würde es Mitternacht sein. Alle starrten gespannt und voller Angst auf das Zifferblatt. Viele umarmten sich und Schluchzen war zu hören.
Dann begann das Uhrwerk zu schlagen..
einmal..zweimal..drei.. vier.. fünf..
sechs..sieben..acht..neun..zehn.. el....
Doch bevor noch der elfte Schlag vollständig verklungen war, öffnete sich die Tür der Taverne und die besten Wissenschaftler, Forscher und Magier Belletristicas strömten in den Raum. Ihre Haare waren zerzaust, ihre Roben zerknittert und ihre Finger, sogar die Gesichter tintenfleckig. Aber ihre Augen strahlten. "Wir haben es geschafft", verkündete Felix, ein bekannter Tierforscher und ausgezeichneter Bellologe, freudenstrahlend.
Die Tavernenbesucher blickten einander und die Wissenschaftler ungläubig an. "Was, ihr habt es geschafft, den Fluch zu brechen?"
"Das nicht", meinte eine Magierin, "aber wir konnten eine Schutzbarriere über Belletristica legen. Sie wird so lange halten, bis auch der letzte Belletristican in Sicherheit ist. "
"ja, aber wo sollen wir den hin, was wird mit unseren Büchern, den Wohnstätten, dem ganzen Land?" Aufgeregt drängten sich alle um die Neuankömmlinge.
Langsam und geduldig wurden nun alle Fragen beantwortet. Es stellte sich heraus, das schon seit dem ersten Tag, an dem der Fluch geworfen worden war, der Turmalinthron zerbrochen und der Dunkle Lord verschwand, eifrig an einer Lösung gearbeitet wurde. Ein neues Land war gefunden worden und die Erinnerlinge, ganz besondere Schmetterlinge, die von Felix gezüchtet wurden, würden auf ihren Flügeln jedes noch so kleine Teil aus Belletristica in Form von Feenstaub in die neue Heimat tragen. "Aber wie kommen wir dort hin? Die zarten Flattertiere können uns doch nicht tragen?" warf ein Echsenwesen ein. Ein kleiner Otter wuselte zwischen den Wissenschaftlern hervor. "Wir bauen Luftschiffe, dort haben alle Platz. Nur wird es noch ein wenig dauern, habt Geduld, liebe Freunde," erklärte er. Dann verabschiedete sich die Gelehrtengruppe, um sich wieder ihren Forschungen zu widmen und diese noch mehr zu perfektionieren.
Kaum war die Gruppe aus der Taverne, wurde nun eiferig geplaudert, sich ausgetauscht und sogar Lachen und leises Singen war zu hören. Es war ja schließlich Mittwinter und Belletristica hatte Grund, zu feiern.
Die alte Zwergin wischte sich die letzten Spuren ihrer Tränen von den Wangen. Endlich stahl sich auch ein kleines Lächeln auf ihr runzeliges Gesicht. Als sie dann schlussendlich ihrem Ziehsohn den neuen Schal überreichte, war die Angst in ihrem Herzen zwar noch nicht vollständig verschwunden, aber sie wusste, dass sie diese Nacht besser schlafen würde als die ganzen Nächte davor. Kobold flauschte sich an seine Ziehmutter. "Zwergenmutti, ich hab auch ein Geschenk für dich," verkündete er freudenstrahlend und drückte der erstaunten Zwergin ein kleines Glückswürmchen aus Wolle in die Hand. Krumm und schief war es, aber Dirgis schien es, nie etwas Schöneres gesehen zu haben.
Täglich trafen sich nun alle in der Taverne und warteten auf Neuigkeiten von Seiten der Magier und Wissenschaftler. Das neue Land wurde langsam erschaffen und der Bau der Flugschiffe ging voran. Aufgeregt erzählte man sich gegenseitig die neuesten Nachrichten. "Es wird natürlich nicht ganz so sein wie unsere alte Heimat hier," erklärte Felix ,"denn erst unsere Anwesenheit macht das *Neue Land* zu Belletristica." Dies verstanden auch alle und freuten sich umso mehr, es mit ihrer Anwesenheit zu vervollständigen.
Endlich war es soweit, die Schiffe waren fertig. Fleissige Helfer beluden sie mit Nahrung und einigen wichtigen Utensilien wie das Sofa aus der Taverne, ein paar persöhnlichen Gegenständen der Reisenden und anderen Sachen. Es waren auch ein paar besondere Ecken errichtet worden wie zum Beispiel ein Teich für die lebendige Seerose und ein Erdfleckchen für besonders erdverbundene Wesen wie die Zwergin, die kleine Schnecke mit dem Flauschhaus und der Spinne. So sassen sie nun alle auf den Schiffen, die sich in einem Schwarm auf den Weg machten, umflattert von den Erinnerlingen, Vogelwesen, andere flugfähige Belletristicans und Drachen.
Wegen der Aufregung der vergangenen Tage und dem leichten Schaukeln des Schiffes nickte Dirgis ein wenig ein, als sie plötzlich neben sich den Kobold aufgeregt rufen hörte. "Zwergenmutti, Zwergenmutti, sieh mal dort!!!" Verwirrt blickte sie hoch und folgte dem zeigenden Finger des Kobolds mit den Augen. In einigem Abstand flog noch ein Gefährt den Schiffen hinterher. Es ähnelte einem grossen Schlitten, gezogen von einem riesigen , schneeweissen Hirschen mit einem Geweih aus Eis. "König Mittwinter", flüsterten DaKobold und Dirgis wie aus einem Mund.
Das Herz der Zwergin schien wie eine Blüte aufzugehen. Nun wusste sie: Auch das *Neue Land* würde eine geliebte Heimat werden, egal wie sie es nennen würden. Langsam, etwas zaghaft hob sie ihre kleine Zwergenhand und winkte dann doch eiferig zu dem fliegenden Schlitten hinüber. Wie erstaunt war sie, als die gedrungene Gestalt in dem blauen, pelzbesetzten Wollmantel auf dem Kutschbock ebenfalls seine Hand hob und ihr und dem Kobold zurück winkte. Und es schien ihr ,als würde sie sogar ganz leise ein tiefes, fröhliches Lachen hören.

„Die Reise ins *Neue Land*" ist ein Gedicht aus der Kategorie Kurzgeschichten von Dirgis Eiszapf, veröffentlicht am 9. Juli 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Dirgis Eiszapf

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Dirgis Eiszapf Kurzgeschichten 0 Kommentare ~14 Min. Lesezeit
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Dirgis Eiszapf

Ich bin: Hausfrau, Mutter, Oma, lesesüchtig und schreibbegeistert. Nebenbei werkle ich gern mit Wolle herum:-)

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