23. August 2026

Die getrocknete Blume

vor vierzehn jahren
habe ich eine blume gepflückt
ich legte sie zwischen wachspapier
und schob sie zwischen die seiten
meines lieblingsbuches
als hätte ich damals schon gewusst
dass manche dinge zu zerbrechlich sind
um sie einfach der zeit zu überlassen
dann habe ich sie vergessen
oder vielleicht nicht wirklich vergessen
vielleicht gibt es erinnerungen die nicht verschwinden
sondern nur still werden
wie staub der sich langsam auf alten dingen ablegt
bis man irgendwann glaubt
sie hätten nie bedeutung gehabt
heute habe ich das buch wieder geöffnet
und die blume fiel heraus
leicht
trocken
fast durchsichtig geworden
und plötzlich war ich wieder dort

nicht nur bei der blume
bei dir
es ist seltsam wie das leben erinnerungen aufbewahrt
nicht ordentlich
nicht so wie wir es gerne hätten
wir versuchen ständig dinge festzuhalten
fotos
briefe
getrocknete blumen
namen die wir immer wieder leise aussprechen
damit sie nicht ganz verschwinden
und trotzdem verlieren wir menschen
trotzdem verändert zeit alles selbst die dinge
von denen wir schworen sie niemals loszulassen
aber manchmal
an ganz gewöhnlichen tagen
öffnet sich plötzlich etwas in uns
und die vergangenheit flattert heraus
wie eine vergessene blume zwischen alten seiten
heute bist du aus den seiten meiner erinnerung gefallen
und direkt zurück in mein herz

und ich hatte vergessen
wie echt das alles einmal war
wie echt du warst
wie sehr ich dich geliebt habe
bevor das leben uns zu menschen gemacht hat
die nur noch in erinnerungen voneinander existieren
es macht mir angst
wie weit entfernt manche versionen von uns
inzwischen sind
wie jemand einmal dein ganzes zuhause sein konnte
und jetzt nur noch eine geschichte ist
die man nachts denkt wenn die welt zu still wird
aber ich möchte dass du weißt
wo auch immer du jetzt bist
ich habe dich nicht vergessen
nicht wirklich
vielleicht denke ich nicht mehr jeden tag an dich
vielleicht tut dein name nicht mehr
auf dieselbe weise weh

aber irgendwo in mir existiert noch immer
eine version dieser liebe
eingeschlossen zwischen den seiten der zeit
vorsichtig aufbewahrt
selbst nachdem ich glaubte
sie längst verloren zu haben
und heute
für einen kleinen augenblick
durfte ich sie wieder berühren
wie eine getrocknete blume
die kaum noch aussieht wie früher und trotzdem beweist dass sie einmal lebendig war
vielleicht ist das alles
was erinnerungen am ende sein wollen
nicht eine möglichkeit
die vergangenheit zurückzubringen
sondern ein stilles zeichen dafür
dass etwas einmal so wichtig war
dass selbst die zeit es nicht vollständig
auslöschen konnte

„Die getrocknete Blume" ist ein Gedicht aus der Kategorie Allgemein über Trauer und Co. von Orion, veröffentlicht am 23. August 2026 auf Gedichtesammlung.net.

© Orion

Sammlung 0 Aufrufe
Orion Allgemein über Trauer und Co. 0 Kommentare ~3 Min. Lesezeit
Teilen: Facebook X WhatsApp

Ähnliche Gedichte

ÄHNLICHE GEDICHTE

✍️
Schreibst du selbst Gedichte?

Veröffentliche deine eigenen Werke kostenlos und teile sie mit einer Gemeinschaft, die Poesie liebt — in nur wenigen Minuten.

Jetzt kostenlos veröffentlichen →

Kommentare

Noch keine Kommentare — schreibe den ersten!

Bitte melde dich an um zu kommentieren.

Anmelden
Login
Gedicht des Tages

Maria fährt nach KönigsbergUnd lässt sich untersuchen;Ihr Mann der Karl der schmollt zu Haus,Ist sauer und am Fluchen. V…

Gedicht lesen
Aktiv in · Allgemein über Trauer und Co.
Meist gelesen · Allgemein über Trauer und Co.