Kurzgeschichten



Der Stein



Der Stein

 

Kjell ist lange nicht hier gewesen. Viele Jahre hat er im Bauch
des riesigen, dunklen Erdreiches geschuftet, um seiner Familie
das zu bieten, was man gemeinhin Wohlstand nennt.
Kjell war Bergmann, und er ist zurückgekehrt, um die letzten
Lebensjahre in seiner alten Heimat zu verbringen. Die Heimat
hatte damals keine Arbeit mehr für ihn. In diesem Landflecken
gab es keine Industrie - nicht mal einen rauchenden Schlot, der
höher aufstieg als der Leuchtturm, den er gerade hinter sich ließ.

Kjell geht langsam, zögernd den schmalen Sandstrand entlang,
ohne sich umzusehen. Noch ist die Vertrautheit dieser menschen-
leeren Einöde nicht zu ihm durchgedrungen. Alles ist irgendwie
fremd und unwirklich geworden, obwohl er weiß, dass die Ruhe
hier draußen jetzt nur ihm allein gehört.
Rechterhand ragt die struppig aussehende Steilküste immer hö-
her auf. Er sucht die See nach einem Punkt aus seiner Erinne-
rung ab, den er fixieren kann. Doch seine müden Augen finden
kein Ziel. Hilflos irren sie umher.
Die zischenden Wellen, die diese Insel umarmen, gleichen schäu-
mender Selterbrause. Man möchte die Zunge reinstecken, wüßte
man nicht, wie salzig sie sind.
Die Wolken hängen so tief, dass er mit seiner Mütze danach wer-
fen könnte. Pure Verlockung - doch nichts geschieht.
Weit draußen gleitet ein Schiff vorüber, direkt unter dem pracht-
vollen Lichtball der untergehenden Sonne. Das Schiff steht in
Flammen - nicht wirklich. Das flirrende Licht spielt nur mit ihm.
Kjell starrt in die flimmernde Weite. Die Augen schmerzen ihm.
Er senkt den Blick; redet mit sich selbst. Hat dich die Arbeit im
Schacht zum Jammerlappen gemacht? Sieh hin, alter Junge, das
ist sie, deineHeimat! Und sie hat sich nur ein bisschen verändert.
Schau hin und freu dich!
Sein Gang wird immer schwerer und der krumme Rücken sackt
noch tiefer ein. Da, im Bergbau, war er nie der, der er immer sein
wollte - ein fröhlicher Kerl, der unentwegt davon träumte, hier -
nur hier, am offenen Meer, alt zu werden.
Wunschdenken. Der hiesige Fischfang lohnte nicht mehr, und
mit der Landwirtschaft ging es auch bergab.
Die Träume des Jungen zerplatzten. Und als die Zeit reif war,
ging er schweren Herzens davon, um sich in der lauten Stadt
durchzuschlagen.
Er fand eine gutbezahlte Arbeit und eine Freundin, die er zur
Frau nahm, noch ehe sie ihm zwei Kinder schenkte. Er liebte
seine Familie über alles und er schob massig Überstunden,
um sie gut über die Runden zu bringen.
Mit den Jahren bemerkte er jedoch auch die zweite, heimliche
Liebe in sich ausbrechen - die schmerzvolle Sehnsucht nach
Poel, der kleinen Ostseeinsel, die er seit seinem Fortgang nicht
mehr gesehen - sogar absichtlich gemieden hatte, um nicht zu
sehr in traurige Gedanken hinab zu fallen. Er verleugnete seine
Sehnsüchte - drohte ihnen gar in vielen, wach gelegenen Näch -
ten. Wenn sie ihn dennoch besiegten, ertränkte er sie tief in Al-
kohol. Immer öfter zog er sich hinter seine Haut zurück, wurde
stiller und störrischer. Nur ein Trost hielt ihn schließlich noch
aufrecht...Eines Tages, sagte er sich wieder und wieder...Eines
guten Tages werden wir soviel gespart haben, um fortzugehen.
Es dauerte lange. Verdammt lange. Vierzig verschenkte Jahre
in Dunkelheit. Und jetzt ist er alt und wieder hier.

Ihm ist nach Weinen zu Mute. Er sog die Salzluft tief ein.
Plötzlich schüttelte ihn ein Hustenanfall, der nicht gut klang.
Kein Andenken ist so grässlich, wie dieses!, dachte er verbittert.
Allmählich legte sich der Husten. Kjell beugte sich nieder; zog
die drückenden Schuhe von den Füßen. Er knotete die Schnür-
senkel zusammen und warf sich die Botten über die Schulter.
Da war es! Das erste, zaghafte Lächeln tanzte in seinem Ge-
sicht...So hat er es schon als Bengel gemacht: Schnürsenkel ge-
bunden und die Kloben huckepack.
Er bückte sich wieder; diesmal nach einem flachen Stein, den
er viermal über die rauschenden Wellen hüpfen ließ.
Für’n ollen Klapperkasten nicht schlecht, flappste er schon viel
zufriedener. Zwar sind seine Steine damals sieben, acht Mal
über‘s Wasser gepitscht, aber was soll’s. Für’n neuen Anfang
ist viermal garnicht so übel.
Für’n Anfang, wiederholte er.

2.
Ihm wurde warm. Sein ganzer Leib wurde von dieser wohligen
Wärme durchströmt. Seine Augen tränten - vielleicht vom auf-
frischenden Wind, vielleicht auch vor Rührung.
Und dann sah er ihn - den riesigen Stein am Ufer!...Auf jenem
Brocken saß er als Junge oft stundenlang, um jede Laune des
Meeres zu belauschen. Der Stein stand noch genau an dersel-
ben Stelle, wie vor vierzig Jahren! Kein Sturm und keine Macht
konnten ihn von hier verdrängen!

Kjell kniff die Augen. Tatsächlich, das war sein Aussichtsstein!
Wie ein rundgeschliffener Berg ragte er aus dem Wasser. An sei-
nen buntschillernden Flanken tummelten sich unzählige Mu-
scheln, grüner Schlamm und schwarze Schwärme aus Fliegen.
Das leise Surren wirkte wie Medizin. Ein Albatross segelte he-
ran, um auf der Krone des Steins auszuruhen.
Kjell stolperte vorwärts - ins Wasser, auf den Brocken zu.
Genau in dem Moment sank die Sonne ins Meer. Der Albatross
schwang sich in den auffrischenden Wind und zog weisse Kreise
über dem Stein, an dem Kjell mehrmals unter größter Kraftan-
strengung hochkroch.
Sein fünfter Versuch gelang endlich. Schwitzend; heftig schnau-
bend saß er da und schleuderte sein befreites Lachen in den
Abend. Als auch sein heftig trommelndes Herz zur Ruhe kam,
sprach er bewegt und unermüdlich mit zittrigen Fingern den
Stein betastend: Erzähl’ mir was, alter Freund...wir haben uns
so lange nicht gesehn...
Und dann erzählte Kjell ihm was war und was sein wird. Wäh-
rend er von seinem Leben sprach, lachte er hin - und wieder.
Aber er weinte auch viele Tränen.

Die Nacht brach an. Ihm wurde kalt. Doch er blieb.
Ein Gewitter schlich sich an und schlug in Sekundenschnelle
über der See zusammen. Der prasselnde Regen, danach, fiel
warm und dampfend ins stille Land.
Kjell hob das Gesicht und fing den Regen in seinen Augen. Sei-
ne Hände wischten über den Stein, unter sich - so als würden
sie einem Kameraden Haarsträhnen aus der Stirn streichen.
Der Wind lebte auf und fauchte. Doch die Worte sind da. Klar
und deutlich: Jetzt bin ich zu Hause, mein Freund. Jetzt bin
ich zu Hause...

 

Geschichte & Foto: (c) Ralph Bruse

 

(zurück zum Anfang...Der Stein war meine allererste Geschichte)

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6 KOMMENTARE



09. Juli 2018 @ 13:17

Ralph, ich mag Deine Texte - das weißt Du. Was ich hier gelesen habe, lässt mich erstaunen. Wie schafft es ein Mann in Deinem Alter, sich so in diesen Kjell hineinzuversetzen? Chapeau!!


Tschüs Ingrid


09. Juli 2018 @ 13:52

Ein erstaunlich langer Text, einfühlsam und gut formuliert. Hast du schon Bücher mit eigenen Geschichten veröffentlicht? Solltest du mal drüber nachdenken. Wenn du das über den Online-Verlag Westermann machst, kannst du die Stückzahl selbst bestimmen.
Liest sich gut, Gruß Gudrun


09. Juli 2018 @ 13:53

Ein erstaunlich langer Text, einfühlsam und gut formuliert. Hast du schon Bücher mit eigenen Geschichten veröffentlicht? Solltest du mal drüber nachdenken. Wenn du das über den Online-Verlag Westermann machst, kannst du die Stückzahl selbst bestimmen.
Liest sich gut, Gruß Gudrun


09. Juli 2018 @ 14:20

Hallo Ralph
Ich denke mal du kannst dich ganz gut in den Kjell hinein versetzen , weil du die Küste so sehr magst
aber auch selbst genug schlimmes erlebt hast und Phantasie haben wir Schreiberlinge ja .
Ich kann mir den Kjell so richtig bildlich vorstellen ,wie er auf dem Stein sitzt.
Ahoi und Gruss Heike
.


09. Juli 2018 @ 14:55

Hallo Ralph, eine zutiefst berührende Geschichte. Du hast für die Heimkehr des alten Bergmanns großartige Worte gefunden. Du bist ein ganz großer Poet, meine Hochachtung! Ahoi und Gruß Hanni


09. Juli 2018 @ 16:31

Hallo Hanni, Heike, Gudrun und Ingrid,
habe erstmal bei Andreas angefragt, ob Kurzgeschichten hier überhaupt gehn.
Geht, meint er. Er denkt auch schon über ne eigene Rubrik dafür nach.
Gudrun: bei Verlagen hab ich mich eigentlich schon ausgetobt))) Einige Stories kamen
unter - die hier nicht. Nicht schlimm - sie ist ja da und man kann sie ja beliebig
einsetzen. Verlage kassieren ja auch meist sämtliche Rechte ein, aber das weißt Du ja
sicher auch.
Ingrid: weiß nicht. Versuche einfach nur ganz nah bei meinen Figuren zu sein. Bewerte
sie nie und lass sie im Grunde selbst erzählen.
Hanni: ....rote Ohren.
Heike: Du kennst meine unwichtige Geschichte zum Großteil. Ja klar, da ist immer auch
irgendwo der Ralph, der seine Küstenheimat nicht verleugnen kann.

Dankeschön Euch allen für die geschenkte Zeit
und Euer dickes Lob!

Tschüß Ralph


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