Kurzgeschichten



Das Wochenende vor der Scheidung - eine wahre Geschichte -

Freitag

Es ist spät geworden. Kopfsteinpflaster sind zwar schön, aber ermüdend. Sie ist hungrig und sehnt sich danach, endlich die Schuhe auszuziehen. Im Briefkasten liegt ein Buch, eingebunden in Zeitungspapier. Ohne Adresse, ohne Absender.

Sie zieht den Mantel aus und die Schuhe. Ihre Füße sind geschwollen und schwer. Gleich wird sie ein heißes Bad nehmen. Die neue Bluse war viel zu teuer, ist aber wunderschön. Montag wird sie geschieden und da möchte sie selbstbewußt auftreten. Gerne hätte sie den dunklen Hosenanzug noch mitgenommen, aber das lässt ihr Budget nicht zu. Nicht mehr.

Romy hat schon zweimal auf den Anrufbeantworter gesprochen. Nach dem Essen wird sie sie zurückrufen. Nach der Tagesschau.

Wer hat ihr denn ein Buch geschenkt? Ohne Anlass. Einfach so.

Sie zieht ihren Frotteemantel an, kämmt sich die nassen Haare und nimmt sich den heißen Tee mit ans Telefon. Ach ja, das Buch. Erstaunt über die Verpackung wickelt sie es aus und lässt es entsetzt fallen. " Die Nacht vor der Scheidung " von Sandor Marai. Sie liest die Abhandlung. "Die Verhandlung kann nicht stattfinden, weil ich heute Nacht meine Frau getötet habe. Und ich bin gekommen, weil ich Dir alles erzählen will." Mit dieser verzweifelten Eröffnung beginnt das nächtliche Gespräch zwischen Richter Kömüves und seinem späten Gast.

Und das am Wochenende vor der Scheidung. Wer, zum Teufel kommt denn auf so etwas? Ihr Noch - Ehemann? Nein, das traut sie ihm doch nicht zu.

Aber wer hat Interesse daran, so etwas zu tun?

Zitternd nimmt sie den Hörer und ruft ihre Freundin an. Auch die ist entsetzt. Beide versuchen, eine Erklärung zu finden - ohne Erfolg.

Um sich abzulenken, schaltet sie den Fernsehapparat ein. Krimis fast überall. Bei 3 nach 9 entwickelt sich eine lockere Unterhaltung mit interessanten Gästen.Irgendwann schläft sie ein. 

 

Samstag

Nach einer unruhigen Nacht zieht sie ihre Jeans und die Laufschuhe an und holt frische Brötchen für das Frühstück. Immer, wenn sie gestresst ist, wird sie hungrig. Dabei wollte sie eigentlich bis Montag noch mindestens 1 kg loswerden.

Zuhause angekommen, holt sie die Zeitung aus dem Briefkasten. Ihre Nachbarin, eine alte Dame steht vor dem Haus und schüttelt verwundert den Kopf.

" Guten Morgen, Frau Bergmann, kann ich Ihnen helfen?" "Ich verstehe das nicht. Meine Freundin Lena behauptet, sie hätte mir ein Buch in den Briefkasten geworfen, aber da war nichts." "Handelt es sich um ´Die Nacht vor der Scheidung´?" "Ja! Woher wissen Sie das?""Na, Frau Bergmann, dann kommen Sie mal mit zu mir. Ich hatte das Buch nämlich in meinem Postkasten."

Die beiden Frauen frühstücken zusammen und amüsieren sich köstlich über dieses makabre Ereignis. Sektfröhlich gehen sie auseinander und lassen das Wochenende auf sich zukommen.

 

Montag

Heute ist die Verhandlung. Bis jetzt leben noch alle Beteiligten........

 

..

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AUTOR:

Ich lebe in Franken und stöbere auch gerne in Gedichten und Geschichten anderer Autoren herum.
Schreiben, malen, lesen, Musik, die Natur und einige gute Freunde.... das ist das, was ich mag.


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4 KOMMENTARE



15. Juli 2018 @ 22:14

Liebe Ingrid,

originelle Geschichte mit einer überraschenden Wendung! Sehr unterhaltsam.

Viele Grüße,
Diana


15. Juli 2018 @ 23:29

Liebe Diana,
danke, dass Dir meine Geschichte gefallen hat, Ich freue mich sehr , da es meine erste ist. Sie ist wirklich so passiert. Lieben Gruß zur späten Stunde Ingrid.


28. Oktober 2018 @ 06:12

Ingrid, eigentlich lese ich die Geschichten im Forum nicht, meistens sind sie mir zu lang, aber heute Nacht habe ich nicht schlafen können und mich in deine nette Geschichte, mit der verrückten Verwechslung hinein gelesen. Sehr schön geschrieben und ich vermute mal - auch erlebt. Ich werde im Advent die ein- oder andere Geschichte zum Lesen hineinsetzen. Da gibt es ja einiges von mir. Bleib schreibfreudig und gut gelaunt. LG Gudrun


28. Oktober 2018 @ 08:11

Guten Morgen, Gudrun.
Danke für Deinen positiven Kommi. Ja, ich erlebe halt immer wieder komische Situationen. Als ich diese Geschichte damals nach der Verhandlung den Anwesenden erzählt habe, hat der Richter schallend gelacht und wollte sich das Buch gleich besorgen. Wie Du siehst, bin ich lebend davongekommen. Einen schönen Sonntag.
Übrigens, ich lese auch gerne Kommis und da hast Du mich wieder mal zu ein paar Zeilen angeregt. (Obwohl ich wenig Zeit habe im Moment ). LG Ingrid


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