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Mittsommernacht (Eine Teamwork-Geschichte)



Mittsommernacht


Noch eine halbe Stunde, dann treffe ich ihn. Mein Herz pocht so laut, dass man es bis dort
zum Yachthafen hören kann. Hier ist es menschenleer. Ich schlendere weiter, an wuchtigen
Felssteinen vorbei, zum Strand. Zwei einsame Strandkörbe stehen da, wie vergessen. Etwa
für uns?

Jenny zieht die Schuhe aus und spürt den lauwarmen, feuchten Sand unter ihren Fußsohlen.
Eine leichte Brise streicht ihr durch´s Haar und die Wolkenbilder lassen sie in Fantasiewel-
ten tauchen...Eine Kutsche, dahinter ein behäbiger Bär und vorne sitzt ein kleiner Junge mit
Lockenschopf. Oder ein Mädchen vielleicht?

Am Strandkorb angelangt, stellt sie die Badetasche ab und die zwei Fischbrötchen, die sie
vorne in der Imbissbude geholt hat. Zehn Minuten noch. Von ihm ist nichts zu sehen.
Wird er kommen? Zum starken Herzklopfen schleicht sich noch sowas wie Lampenfieber
ein.
Was ist das? Da singt doch jemand, oder? „Seemann, lass das träumen“ Lolita´s Stimme.
Die 60er Jahre - Erfolgssängerin. Sitzt sie vielleicht dort oben in den Wolken und will uns
zu unserem Glück ermuntern?
Die Stimme nähert sich. Sie hört Schritte im Sand. Dort, ein großer, schlanker Mann mit
einem Kofferradio. Er!
Sven kommt lächelnd auf sie zu – etwas befangen. Jenny eilt ihm entgegen und umarmt ihn
herzlich. Als sie sein leichtes Zittern bemerkt, hakt sie sich bei ihm unter und lacht alle Un-
sicherheiten in den Wind. Heiter zieht sie ihn hin zum Strandkorb. Dort holt er aus seinem
Rucksack die Thermoskanne mit schwarzem Tee.
„Magst du ein Fischbrötchen mitessen?“ Jenny reicht es ihm hin.
„ Oh danke, sehr gerne.“ Sie kauen an ihren Semmeln und schauen sich verstohlen von der
Seite an.

 

Es begann vor zwei Jahren:
Jenny wollte ihren kranken Onkel anrufen und jedesmal, wenn sie dessen Nummer wählte,
meldete sich ein Herr Bergmann. Zweimal entschuldigte sie sich, doch beim dritten Versuch
gab sie es auf. Wahrscheinlich eine Störung beim Anbieter. Kurz darauf läutete das Telefon
und am anderen Ende lachte Herr Bergmann.
„ Ihre Stimme klingt so sympathisch, die würde ich gern öfter hören.“
Sie plauderten fast eine Stunde munter drauflos und wurden sich einig, dass sie diese Be-
kanntschaft fortsetzen wollten. Daraus entwickelte sich eine freundschaftliche Vertraut-
heit und nach und nach schlichen sich tiefe Gefühle ein. Liebe vielleicht? Sie kannten sich
ja nur vom Telefon.

Sven reicht ihr Tee und sie blicken gedankenverloren auf´s Meer. Stille. Irgendwo krei-
schen Möwen und von weit her klingt fröhliches Kinderlachen. Sie lehnt sich an seine
Schulter.
“ Sven, ich hatte Angst, diesen Zauberbann zwischen uns zu zerstören.“
„ Liebes, du denkst zuviel. Diese Angst hatte ich nie“. Er zieht Jenny zu sich, küsst sie zart
auf die Stirn und streicht ihr dabei über´s zerzauste Haar. Sie fährt mit der Zunge über ihre
salzigen Lippen und sucht seinen Mund zu einem Kuss. Ein starkes Gefühl der Wärme
durchströmt ihren Körper. Begehren auch. Nach einer innigen Umarmung sieht sie ihm
tief in die Augen. Darin spiegelt sich die See – seine große Sehnsucht.
Sven richtet sich auf: „ Komm, wir laufen zum Leuchtturm und kühlen uns dann später
im Wasser ab.“ Eng umschlungen, die Schuhe in der Hand, bummeln sie weiter und be-
merken nicht, daß es bereits dämmert.

Am Leuchtturm angekommen, küssen sie sich wieder. Setzen sich in den spröden Sand,
der noch warm vom Tag ist. Sie schweigen lange. Die Sonne sinkt am Horizont nieder,
ein Schiff kreuzt den feuerroten Lichtball. Stimmen fliegen ihnen zu. Leute winken ih-
nen aus der Ferne. Sie haben nur Blicke füreinander. Umarmen sich fest. Immer fester.
Es ist, als wollten sie in sich hinein - tief in ihren Leibern versinken, um sich auf immer
dort einzuschließen.
Der Feuerball der Sonne sinkt nur halb - nicht ganz hinab. Mittsommer. Die Nächte sind
lau und schwaches Licht flirrt silbrig über Wellen hin. Möwen kappen die leeren Schnä-
bel, schreien nicht und ziehen landwärts, um im nahen Hafen auf Booten und an trock-
nenden Fischernetzen nach letzten Nahrungsresten zu suchen.
Sven lockert die kräftge Umarmung etwas, greift seitwärts, in den Rucksack, holt seine
Lieblings-Kassette hervor, schiebt sie in den Schlitz am Kofferradio - drückt auf Start.
Wieder erklingt Lolita mit ihrem ´´Seemann, deine Heimat ist das Meer´´. Er holt tief
Luft, sagt schließlich: > Ich hab auf einem dänischen Frachter als Matrose angeheuert,
Liebes. Warum, das weiß wohl nicht mal der ´da oben´ genau. <
Jenny schaut ihn etwas erschrocken an. Doch sie versteht und schmiegt sich wieder an
ihn. Sie zittert leicht.
Sven zittert ebenso. Er schaut ihr tief in die Augen und dann lange auf´s stille Meer hi-
naus.
Jenny sinkt hintenüber, zieht ihn mit sich. Jetzt sind sie hier, am Strand. Diese Nacht ge-
hört ihnen allein - nicht dem säuselnden Wind, nicht dem Meer, den Sternen, darüber,
nicht den fortfahrenden Schiffen, den Seevögeln, den raschelnden Dünen, oder endloser
Weite. Es ist ihre Sehnsucht, die sie allein für sich stillen: mit fieberhaft suchenden Hän-
den und Mündern, mit hitzigen Leibern, brennender Leidenschaft und kochender Lust.
Sie lieben sich die ganze Nacht lang - begehren, verzehren einander ohne Unterlass, wei-
nen Tränen der Freude und solche aus Trauer, schreien ihr ungestilltes Begehren heraus
und streicheln einander im nächsten Moment still, zutiefst zärtlich und vertraut. Bis un-
erbittlich der andere Morgen kommt...


2.
Ich warte hier auf ihn: im Rostocker Überseehafen.
Wird er kommen? ...Und dann wieder gehen?
Ich schaue rauf, zum Himmel. Beinah dasselbe Wolkenbild wie noch vor wenigen Ta-
gen: die Kutsche, der behäbige Bär...Nur das Kind in der Kutsche fehlt. Dafür zieht
eine Schwanenschar an weißen Streifen des Himmels hin.

Er kommt: den großen Seemannssack geschultert. Lächelt. Aber sein Lächeln ist
schwach und schon von Weitem sehe ich in seinen Augen feuchte Schimmer.
Plötzlich stoppt er - keine zehn Meter entfernt, wuchtet den riesigen Sack zu Boden,
blickt zuerst mich an, dann den monströsen Frachter am Kai.
Seine Zweifel wachsen an - ich spüre es. Er setzt sich hin - hockt sich einfach neben
den prallen Sack auf harten Beton. Schlägt die Hände zitternd vor´s Gesicht. Ich eile
hinzu, setze mich zu ihm. Halte seine zärtlichen, großen Pranken fest, frage mit beben-
Stimme: > Willst du wirklich fort? <
Er kann nicht sprechen. Sucht nur nach Antworten.

Etwa eine Stunde später legt der Frachter ab, verlässt den Hafen fast lautlos.
Sven winkt ihm sehnsüchtig nach. Lässt dann die Arme fallen - von Land, vom Kai
aus.
Jenny schaut, einer plötzlichen Eingebung folgend, abermals hinauf, zum Wolkenge-
bilde, dort oben. Und erkennt einen kleinen Jungen mit Lockenkopf in der Himmels-
Kutsche.

Sie gehen davon.
Er schaut immer wieder zurück, zum Hafen.


(c) Ingrid Bezold & Ralph Bruse

https://dichterstube.jimdofree.com/

 

Bild: Ralph Bruse

 

 

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AUTOR:

I - Punkt

Wenn ich die Wahl hätte zwischen
Strand, Leuchtturm, Meer, Wolken, Himmel und Weite
nehme ich DICH.
Du bist der
warm dahintreibende Wind in allen.



Text: ( c ) Ralph Bruse


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3 KOMMENTARE



26. Juni 2020 @ 22:22

Hallo Heike und Hanni,
auch für eure Herzchen ein Dankeschön
und eine gute Nacht.


26. Juni 2020 @ 18:46

Du hast die prima Steilvorlage geliefert, die ich ohne Mühe weiterspinnen konnte, Ingrid. Und was wahr und
erdacht ist, bleibt allein bei uns.
Um es nordisch auszudrücken: was Du für mich bist, ist wie ein Bernstein, der nach Wind und Sturm an den Ostsee-
strand gespült wurde, den ich aufhebe, mitnehme, poliere und immer in der Brusttasche trage - dicht am Herzen.

Danke hierfür - und überhaupt.

tschüß Ralph

(hab mir erlaubt - was der sich so alles erlaubt...Dir für deine super Vorlage mein Herz(chen) zu geben)


26. Juni 2020 @ 22:21

mit dir zusammen was auf die Beine zu stellen, macht einfach Spaß. Das fließt eben(d). Und wenn ich dann so ne schöne Bernsteinerklärung und (d)ein Herz krieg ... was bin ich doch für ein Glückspilz!
Danke auch dir für alles, was uns ausmacht.
Gute Nacht, Ralph.



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